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Meine Sicht auf die Grinberg-Methode (Teil 3)

Hermann van Veen trat am 1. Juni dieses Jahres im Konzerthaus auf. Er wird mit frenetischem Applaus empfangen und mit Standing-Ovations verabschiedet. Als Musiker, Sänger, Kabarettist, Clown, Poet, Humanist, steht er saalfüllend auf der Bühne, sein Stimmvolumen satt und resonant gefühlt über 4 Oktaven, elegant wechselt er von Sprache zu Sprache, springt und tanzt geschmeidig, spielt virtuos Klavier, Mundharmonika und Geige. Und erzählt aus seinem Leben und über das Älterwerden, mit dem er schon Erfahrungen gesammelt hat. Er ist jetzt 77.

Zarte, melancholische Balladen wechseln zu rasanten Kletzmer-Melodien, nachdenklich stimmende Betrachtungen über die Lage unserer Welt werden durchbrochen von Clownerie und Schabernack. So hält er sein Publikum bravourös in seinem Bann, schon glaubt man, sich einer sentimentalen Stimmung hingeben zu können, an verflossene Lieben, verpasste Gelegenheiten und den Untergang des Abendlandes an sich zu denken – schon liegt man vor Lachen sprichwörtlich schon wieder unter dem Tisch, weil van Veen mit großer Selbstironie einen Schwank aus seinem Leben zum Besten gibt. Das Ganze findet statt mit Leichtigkeit, Warmherzigkeit und einem steten Augenzwinkern. Sich und das Leben nur nicht zu ernst nehmen, und doch alles mit 100% Einsatz und einem präzisen Blick auf die Dinge – das scheint das Motto dieses großen Künstlers zu sein.

Im Grunde sind dies die Zutaten für einen gelungenen Lernprozess nach der Grinberg-Methode. Haben wir einmal unseren Beitrag zur Misere erkannt und unseren Zustand im Detail betrachtet (siehe Von Füßen und Zuständen) und bemerkt und verstärkt was wir tun (siehe Bemerken. Verstärken.) können wir uns dem Loslassen und Erlauben widmen. Das benötigt unsere Aufmerksam- und Genauigkeit, dafür braucht es eindeutig Humor, und es geht immer mit turbulenten Wechseln zwischen allen möglichen Emotionen einher. Um Loslassen und Erlauben geht es in diesem dritten Teil zu meiner Sicht auf die Grinberg-Methode.

Loslassen

Loslassen ist nichts anderes, als mit dem Zustand, mit dem du in einer bzw. auf eine bestimmte Situation reagierst aufzuhören. Was immer dein ganz persönlicher Zustand beinhaltet, es geht darum zu lernen, ihn auf allen Ebenen zu beenden:

Anstrengung im Körper – wie hochgezogene Schultern, in die Hüften gestauchte Beine, verkrampfte Hände, zusammengezogenes Gesicht, gehaltener Bauch bzw. Bereiche im Körper die – wie abgeschnitten – zu leblosen Anhängseln degradiert wurden, können nach dem Loslassen wieder als ein lebendiger, entspannter, saftiger, präsenter Körper spürbar sein.

Atmosphären und Emotionen, die im Zustand um dich herumwabern – wie arm sein und leiden, Unzufriedenheit und Grant, dich schuldig fühlen oder schämen – können nach dem Loslassen deines Zustands verschwinden bzw. durch das Ursprungsgefühl ersetzt werden, das du durch den Zustand vermeiden wolltest. So bist du dann vielleicht plötzlich nicht mehr unzufrieden – sondern traurig, nicht mehr grantig – sondern aufgeregt, schämst dich nicht mehr – sondern bist wütend.

Auch die Gedanken, bzw. deine Art zu Denken verändern sich mit dem Loslassen: während Zustände ein eindimensionales, enges Denken fördern und sich meist in sich stetig wiederholenden Gedanken zeigen, die in Endlosschleife Schlussfolgerungen aus der Kindheit darbieten („Ich werde das nie können“), ist das Hirn nach dem Loslassen meist äußerst ruhig und gelassen; nicht selten kommen dir dann sogar neue Ideen oder Lösungen für ein Problem, mit dem du dich schon länger angestrengt und mit wenig Effizienz herumgewälzt hast.

Atmen lassen

Jeder Zustand hat auch eine ganz bestimmte Art zu Atmen – und ich habe noch keinen Zustand erlebt, bei dem jemand tief und entspannt geatmet hätte.

Da die Atmung so ein wichtiger Teil jedes Zustandes ist, empfiehlt es sich auch, genau da anzusetzen, um loslassen zu können. Wenn Du, statt dein Zustands-Atemmuster beizubehalten, deinen Körper atmen lässt, ist das ein erster, relevanter Schritt; außerdem brauchen deine Muskeln Energie, um entspannen zu können, und ohne ausreichende Sauerstoffzufuhr keine Energie und keine Lichtung des Gedankennebels.

Um deinen Körper atmen zu lassen, hilft es, der natürlichen Atembewegung zu folgen. Bei der Einatmung senkt sich das Zwerchfell. Bei der Ausatmung entspannt das Zwerchfell und rutscht wieder nach oben in seine kuppelförmige Ursprungsposition. Bauch, Brustkorb und Lungen reagieren und bewegen sich mit. Wenn du dann noch auf den nächsten Einatemimpuls achtest, den dein Nervensystem dem Zwerchfell gibt – dann bist du schon beim Erlauben.

Erlauben

Erlauben heißt, dass du zustimmst, dass dein Körper tut, was er zu tun hat, ohne ihn dabei zu behindern oder überhaupt daran zu hindern: zu atmen, so wie er es gerade braucht, statt die Atmung kontrollieren zu wollen; ihm Ruhe zu gönnen, wenn er müde ist, statt ihn weiter anzutreiben; ihn verdauen zu lassen, anstatt den Bauch einzuziehen und ihm einen WC-Gang zu verweigern.

Erlauben heißt, das zu spüren, was da ist. Zu spüren, dass du eigentlich schon viel zu lange vor dem Computer sitzt und dir alles Mögliche wehtut. Oder zuzustimmen zu spüren, dass du traurig bist – über eine Kränkung, einen Verlust, das Ende einer Beziehung. Dir zu erlauben wütend zu sein, selbst wenn deine Wut sich an eine geliebte Person richtet. Zu spüren, dass du dieses Zusatzprojekt nicht noch übernehmen möchtest.

Erlauben heißt zu spüren was ist und dieses Gefühl nicht dämpfen oder wegschieben, und nicht relativieren oder zerreden. Sondern es einfach da sein lassen, es wahrnehmen, es und dich damit respektieren. Das heißt nicht, dass du jetzt immer gleich in Tränen ausbrechen musst, wenn du traurig, oder jemandem die Leviten lesen, wenn du wütend bist. Erlauben heißt erst einmal nur, dem Gefühl Raum zu geben und anzuerkennen, dass es da ist. Ohne Interpretationen aus dem Zustand.

Erlauben heißt mutig zu sein und zu spüren, was unter den Schichten des automatischen Zustands verdeckt liegt, was du mit deinem Zustand zu vermeiden suchst. Fast immer sind drei Hauptgefühle involviert: Schmerz, Angst und Wut – alle negativ besetzt und unbeliebt. Alle im Grunde nur eine Form von Energie. Alle real und unumgänglicher Teil von unserem Leben.

Loslassen und Erlauben sind deine Begleiter auf dem Weg zu einer intensiven, bunten Lebendigkeit. Zu deinem authentischen Selbst. Zur Hingabe an das Leben an sich. Zu dem, was Hermann van Veen seit über 50 Jahren auf der Bühne macht.

 

 

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