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Meine Sicht auf die Grinberg-Methode (Teil 2)

Letzte Woche war ich eingeladen, beim jährlichen Gesundheitstag an der Universität für Musik und darstellenden Kunst einen Workshop zu geben. Es ging darum, den Teilnehmer*Innen Werkzeuge zu vermitteln, um entspannter und mit mehr Klarheit „Nein“ sagen zu können. Ich wollte ihnen die Möglichkeit bieten selbst zu erfahren wie es sich anfühlt, wenn sie die Werkzeuge anwenden und kürzte die Theorie dahinter auf das nötigste. Als ich in der knappen Schritt-für-Schritt Anleitung die Hauptpunkte auflistete musste ich lachen.  In dieser Kurzversion – die ich so noch nie beschrieben hatte – reimen sich die ersten beiden Begriffe: Bemerken. Verstärken. Danach folgt noch Loslassen – das berühmte „Stoppen“. Und Erlauben. Um diese Abfolge geht es im heutigen und den nächsten Blogs.

In Teil 1 dieser Serie über meine Sichtweise auf die Arbeit als Grinberg-Praktikerin waren die Zustände Thema, die wir in bestimmten Situationen automatisch kreieren: Was ein Zustand ist, wie wir ihn erlernt haben, und mögliche Auswirkungen davon, immer wieder mit dem gleichen Zustand auf einen Trigger zu reagieren.

Heute geht es um die nächsten Schritte, also das Entlernen eines automatischen Zustandes, den wir nicht mehr einfach abspulen wollen, weil er uns und unser Wohlbefinden einschränkt.

Bemerken

Zu bemerken, dass du gerade selbst einen Zustand kreierst, der z.B. eine körperliche Beschwerde oder eine ganz bestimmte Stimmung beinhaltet ist bereits die halbe Miete. Weil wenn du bemerkst, dass du deinen Bauch anspannst und den Oberkörper verdrehst – und dann spürst, dass jetzt plötzlich das altbekannte Ziehen im Rücken wieder da ist – gibt dir das umgehend einen Teil deiner Selbstwirksamkeit zurück. Dann bist du diesem Zustand nicht mehr ausgeliefert – es ist nicht das Universum, das dir Rückenprobleme beschert – sondern du bemerkst, dass Du selbst etwas dazu beiträgst, dass die Beschwerden da sind. Das Bemerken ist die Tür, die du ab sofort öffnen und durch die du treten kannst.

Und um genau diesen Beitrag geht es beim Bemerken. Den Beitrag, den du selbst in der Hand hast. Weil natürlich braucht man auch ein gehöriges Ausmaß an Glück, um gesund zu bleiben und sich wohl zu fühlen. Wenn du schon mit 24 einen Bandscheibenvorfall hast – obwohl du deinen Rücken weder durch starkes Übergewicht noch durch extremen Leistungssport überbelastet hast – dann hast du vielleicht einfach nicht die beste Bindegewebsqualität geerbt. Irgendwelche Schwachstellen gibt es immer – die einen haben einen empfindlichen Magen, die anderen haben schlechte Zähne oder neigen zu Allergien. Wenn du natürlich bereits einen empfindlichen Magen-Darm-Trakt hast und dann in deinem Zustand auch noch deinen Bauch ständig anspannst, dann wird das die Problematik allenfalls noch verstärken, weil du den Raum einschränkst, den deine Verdauungsorgane für ihre Arbeit brauchen.

Also vielleicht sollten wir das „Bemerken“ erweitern zu „meinen Beitrag bemerken“. Die gute Nachricht also – das, was du selbst kreierst, kannst du auch selbst wieder loslassen. Sobald du bemerkst, dass du deinen Bauch einziehst, dass du etwas mit dem eingezogenen Bauch zu tun hast, dass du aktiv etwas tust, damit er eingezogen ist – kannst du auch entscheiden, es nicht mehr zu tun. Warum du ihn einziehst ist zunächst (und manchmal nie) so wichtig. Wichtig ist, dass dir bewusst wird, dass du es tust.

Verstärken

Wenn Du zum ersten Mal hörst, dass du den Zustand, den du nun als solchen bemerkst und eigentlich loswerden willst, nun auch noch verstärken sollst, kommt dir das möglicherweise kontraproduktiv vor. Aber das Verstärken hat einige Vorteile.

Erstens gibt es dir einen weiteren Teil deiner Selbstwirksamkeit zurück. Ich frage dich in einer Sitzung vielleicht, den Bereich zu benennen, der dir – so wie du gerade bist – am meisten auffällt.  Und vielleicht ist das eine Stelle am oberen Rücken. Und dann berühre ich diese Stelle, bringe meine ganze Aufmerksamkeit dorthin und bitte dich, den Bereich noch enger und härter zu machen. Und obwohl dich das noch nie jemand gebeten hat, schaffst du das ohne viel Aufhebens – d.h. du verstärkst eine Anspannung, die dieser Muskel, dieser Bereich bereits gemacht hat und ziehst ihn z.B. noch stärker zusammen. Das zeigt dir, dass Du bereits Kontrolle über Teile deines Zustands hast. Du kannst diese Teile mehr oder weniger präzise verstärken! Und wenn ich dich dann bitte, den Bereich wieder loszulassen, funktioniert das auch. Manchmal bitte ich auch um 50% loslassen, 25% wieder dazu, alles schnell loslassen, alles langsam loslassen, noch einmal 50% verstärken – etc. Und all das können meine Klient*Innen machen. Auch wenn sie alle manchmal die Augen rollen, ob dieser verrückten Anforderungen, die mir da immer wieder mal einfallen. Der Punkt ist – alle können es spätestens nach der ersten Sitzung. Und all diese Übungen dienen dazu, dass du mehr und mehr Kontrolle lernst, deinen Zustand und was du dabei tust mehr und mehr in dein Bewusstsein holst. Und ihn damit dem Automatismus entreißt.

Zweitens hilft Verstärken dir beim Bemerken. Wenn Du Deinen Zustand oberflächlich beschreiben kannst: ok, rechte Schulter ist hoch- und vorgezogen, Atmung ist flach, Bauch ist nach innen und unten gezogen, Brustkorb ist steif, Becken und Beine sind kaum präsent, Stimmung ist eher mau, Kopf rattert und du bist irgendwie weniger Du – und du ziehst jetzt die rechte Schulter ganz bewusst, mit Aufmerksamkeit noch weiter hoch und vor – dann wird auch dein restlicher Körper reagieren. Vielleicht fällt dir dann plötzlich auf, dass die Beine jetzt gar nicht mehr spürbar sind, und der Brustkorb nicht nur steif ist, sondern erstarrt. Und vielleicht entsteht auch eine zunächst kaum merkliche Drehung im Torso, und eine leichte Neigung des Kopfes.

Oder wir steigen woanders ein und ich bitte dich, dich noch weniger zu machen, noch mehr zu verschwinden. Und frage dich dann, wie sehr du deine Umgebung jetzt noch wahrnimmst. Oder du verstärkst das Rattern des Verstandes und plötzlich schwirren überhaupt nur mehr Wortfetzen herum die nicht greifbar sind, und du kannst überhaupt nicht mehr klar denken. Je fortgeschrittener du im Umgang mit deinem Zustand bist, desto besser wirst du jeden Bestandteil davon verstärken (und auch wieder lösen) können – und desto mehr Details wirst du kennen.  Und die Details sind wichtig zu wissen.

Know thy enemy, know thyself

Wenn wir unsere Zustände etwas dramatisch als unsere Feinde bezeichnen, dann ist es durchaus sinnvoll, viele Details über sie zu wissen. Die Details geben dir Zugangsmöglichkeiten – wenn dir im Alltag auffällt, dass du die rechte Schulter hoch- und vorziehst – und du sie jedes Mal, wenn es dir auffällt auch wieder loslässt – dann übst du, deinen Zustand zu ent-lernen. Wenn dir auch subtilere Teile deines Zustands auffallen, kannst du auch daran bemerken, dass du gerade im Zustand bist (oder im Begriff ihn so richtig aufzubauen). D.h. mit jedem Detail vergrößern sich deine Möglichkeiten, zu bemerken, dass Du Deine Realität gerade durch den Filter deines Zustands wahrnimmst, dass möglicherweise dein Gegenüber dir gar nichts Böses will und dein automatisches Misstrauen unnötig ist. Dass du gerade kaum noch atmest und dich deshalb schwer tust dich zu entspannen. Dass du deine Stimmung gerade kreierst und das Leben eigentlich nicht ganz so trübe ist, wie es sich gerade anfühlt.

Einen dritten Vorteil des Verstärkens bekommst du im Juni-Blog geliefert – darin geht es dann weiter mit den nächsten Schritten – dem Loslassen und Erlauben.

 

 

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