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Foto: Cora K. Hiebinger

Das Konzept Raum

Neulich sprach ich mit jemandem über den Südwesten der USA. Wo ich, bevor ich nach Österreich zurückkam, 6 Wochen lang in den verschiedenen Nationalparks unterwegs war. Und wo mir klar wurde, was Pearl Lang, diese großartige Martha-Graham-Tänzerin und Lehrerin gemeint hat. Sie rief während des Choreographie-Unterrichts an der MG-School of Contemporary Dance einmal leicht entnervt aus: „You Europeans! You don’t know what space is! Go to the South-West, then you’ll understand.“ – Und „understand I did“.

Ich sehe dieses Bild noch immer vor mir – eine Straße. Landschaft. Wir fahren kilometerweit. Und es ist „nichts“ zu sehen. Außer die Straße vor uns, die sich wie ein endloses Band durch die Landschaft zieht. Kein anderes Auto, kein Gebäude, kein Werbeschild. Nichts. Großartig, ehrfurchtgebietend, Demut lehrend. Das ist Raum.

Ich bin schon lange raus aus der Tanzszene, und es geht nicht mehr darum, über die Bühne hinaus den gesamten Theaterraum mit Präsenz und Bewegung zu füllen. Aber Raum hat immer noch einen großen Stellenwert in meiner Arbeit – egal ob es um einen Grinberg-Lernprozess oder eine Behandlung/manuelle Therapie geht.

Sich Raum nehmen

Zustände, die wir uns im Laufe des Erwachsenwerdens anlernen und zu eigen machen beinhalten neben einer bestimmten Art zu Atmen (üblicherweise postmoderner Minimalismus :-)) immer auch ein „sich in irgendeiner Form“ einschränken. Das kann heißen, dass du Deine Angst, Wut, oder Unsicherheit versteckst, Dir nicht erlaubst, kraftvoll zu sein, oder Dich überhaupt mehr oder weniger unsichtbar machst. Egal, was Du von dem, was Du eigentlich bist, nicht lebst – es bedeutet immer, dass Deine Essenz – das was Dich ausmacht – nicht den Raum hat, den sie eigentlich braucht, sie keinen Platz hat, klar und präsent zu sein. Was dann über kurz oder lang unweigerlich zu Unzufriedenheit und Unwohlsein führt. Weil eben etwas, das essentiell für Dein Du-Sein ist, fehlt, nicht da sein darf.

Einschränkende Zustände

In einem Lernprozess nach der Grinberg-Methode lernst Du dann Schritt für Schritt, was Du mit Dir machst, welchen Zustand (der z.B. deine Art zu atmen, zu schauen, zu denken, Dich anzuspannen oder Körperbereiche völlig auszublenden) du kreierst und wie Du damit Teilen von Dir den Raum nimmst. Es geht also in jeder Sitzung, in jedem Lernprozess immer auch darum, dem, was oft über Jahrzehnte nicht da sein durfte – wieder Raum zu geben. Zu erlauben, dass etwas wieder Platz hat, über das Du irgendwann die Schlussfolgerung gezogen hast, dass es sicherer ist, es zu verstecken. Wie Jane Goodall so schön sagt: „It actually doesn’t take much to be considered a difficult woman.“ Und dann lernen eben ganz viele Mädchen und junge Frauen, besser lieb und nett und verständnisvoll zu sein. Was ja grundsätzlich super ist, solange diese Frauen dann nicht mit 40 immer noch ewig durch die Finger schauen.

Wie dieses Lernen genau funktioniert, kannst Du in anderen Blog-Beiträgen nachlesen, oder Du gönnst Dir einmal eine Sitzung im Achten.

Raum geben, oder….

Nicht nur unsere Stimmung und unser Seelenwohl wird durch Einschränkungen und Enge negativ beeinflusst. Auch unser Körper mag Einengung überhaupt nicht. Zahlreiche Pathologien haben ihre Ursache in einer Einengung und damit einem Übermaß an Druck oder Zug in einem Bereich.

Das SA(P)S-Syndrom z.B. steht für Subakromiales (Schmerz-)Syndrom. Weichteile unter dem Akromion (=Schulterdach, Teil des Schulterblatts) werden gereizt und überlastet, weil der Oberarmkopf nicht gut im Schultergelenk zentriert ist. Es kommt zu Bewegungsein-schränkungen, Schmerzen, allenfalls baut der Körper Kalk in die Sehnen, um die Strukturen zu schützen.

Oder das berühmte CTS = Karpaltunnelsyndrom. Der Medianusnerv kommt im Bereich des Handgelenks – z.B. durch repetitive Tätigkeiten in weniger als optimaler Hand- und Körperhaltung – unter Druck. Ein klassisches Nervenkompressions-syndrom. Der Bereich wird ständig gereizt, der Körper bemüht sich zu heilen und startet einen Entzündungsprozess, d.h. unter anderem, dass er eine Mehrdurchblutung anstrebt und es zu einer Schwellung kommt. Diese schränkt dann den Raum im Karpaltunnel weiter ein und das Übel geht seinen Lauf.

Auch beim Piriformis-Syndrom kommt ein Nerv unter Druck, diesmal der berühmte Ischias. Er zieht im Gesäß unter dem Piriformis-Muskel durch, wenn der zu sehr angespannt ist, reagiert der Nerv unwillig.

Bei Kompartment-Syndromen kommt es in faszialen Logen (derbe, trennende Faszien, die eine Muskelgruppe von einer, die für andere Bewegungsrichtungen verantwortlich ist, trennt) zu einem Druckansteig (z.B. durch eine Verletzung oder durch Übertraining bei Leistungssportlern) und dadurch wird die Blutversorgung beeinträchtigt. Was im schlimmsten Fall zu einem Absterben des Muskels führen kann.

Und im Grunde ist jede schmerzhafte Verspannung nichts anderes als ein zu wenig an Raum. Blutgefäße, die durch den Muskel ziehen werden eingeengt, Stoffwechselendprodukte können schlechter abtransportiert, Nährstoffe und Sauerstoff kann schlechter hintransportiert werden, der Muskel wird schlechter versorgt, es entsteht ein Teufelskreis – bis zum Entstehen von Triggerpunkten, in denen durch die Minderdurchblutung die Calcium-Pumpe versagt und die Muskelfilamente überhaupt keine Energie mehr haben sich zu bewegen.

Großartiges Faszien-Netzwerk

Wenn man den Körper als Faszien-Netzwerk betrachtet, in dem es für jeden Muskel eine elastische Faszienhülle gibt, Sehnen dieser Muskeln u.a. von diesen Hüllen geformt werden, die wiederum in das Periost, die Knochenhaut einstrahlen und Teile der Gelenkskapseln bilden; ein Netzwerk in dem der von viszeralen Faszien gebildeten Raum der Nieren mit der Muskelfaszie des großen Hüftbeugers Iliopsoas zusammenhängt und diese wiederum mit dem Knie – dann wird verständlicher, warum Knieschmerzen durchaus auch aufgrund eines  Nierenproblems auftreten können und umgekehrt. Und das auch hier Raum ganz, ganz wichtig ist und das Fehlen desselben zu Problemen, Beschwerden, Schmerzen führt.

Raum schaffen

Der Bewegungsapparat badet also manchmal organische Probleme aus, weil er versucht, Raum für ein Organ offen zu halten (damit das seine Arbeit weiterführen kann). Oder ein unglücklicher Magen-Darm-Trakt, oder eine nie ganz verheilte Verletzung hat Ausgleichsbewegungen zur Folge, die dann wiederum andere Räume einengen oder verzerren. Man kann auch immer mit im Auge behalten, dass die Faszien nicht nur für Bewegung, Stoßdämpfung und Kraftleitung zuständig sind, sondern u.a. ein wichtiger Wasserspeicher unseres Körpers, für Wahrnehmung unumgänglich, und essentieller Teil unseres Abwehrsystems sind. All diese Aufgaben benötigen Raum und ein ausgewogenes Gleichgewicht, um funktionieren zu können. Die somatische Faszientherapie, die ich gerade lerne, bewirkt – sehr effektiv und sanft – genau das. Und auch bei jeder Massage oder einer Grinberg-Recovery-Sitzung geht es immer auch darum, den Strukturen wieder Raum zu geben. Als Unterstützung für den Körper, der seine Selbstheilungskräfte dadurch besser aktivieren und einsetzen kann, um wieder in sein Gleichgewicht zu finden. Und wieder in vollem Ausmaß lebendig sein zu können.

 

 

 

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