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Foto: Cora K. Hiebinger

Früher glaubte ich im Ernst, ich sei schüchtern. Als ich das im Rahmen einer Sitzung einmal voller Überzeugung meiner damaligen Praktikerin (the best there is!) kundtat, bekam sie gelinde gesagt einen Lachkrampf. Danke, Claudia für die wohltuenden reality checks, die du mir zukommen hast lassen!

Während der Lockdowns spielte ich wiederholt über Zoom Stadt-Land-Fluss mit meiner Nichte (9). Bei „Berufen“ nannte sie Anwalt, Friseur, Handwerker, Schneider. Bei „L“ kam dann neben Linz, Lunzer See und Lofer „Lehrerin“ als Beruf.

Als eingefleischte Feministin (siehe: BLOG) frage ich mich schon, wie das passieren konnte (offenbar habe ich mich zu wenig mit ihr beschäftigt! 🙂 ).

Letztes Wochenende war ich das erste Mal wieder im Museum. Auf 5.400 m2 und 5 Stockwerken finden sich unter den großartigen Meisterwerken exakt 11 (e-l-f) Bilder von genau 4 Frauen. Die Sammlung ist die Sammlung, ok. Allerdings sollte dann vielleicht die Beschreibung des Leopold Museums überarbeitet werden, in der steht:

„Das Leopold Museum beherbergt mit rund 6.000 Werken eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen österreichischer Kunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Moderne.“ 

 Tut es das?

Auch die Beschreibung der aktuelle Ausstellung „Menschheitsdämmerung“ sollte, finde ich, umgeschrieben werden, spricht sie doch von der Präsentation von elf Künstlern,

„die in der Zeit der Ersten Republik (1918–1938) einen bedeutenden Beitrag zur malerischen Moderne Österreichs geleistet haben“. 

Um dann 11 Männer aufzuzählen.

In zahlreichen Druckwerken findet sich seit Jahren der Hinweis, dass in der männlichen Form selbstverständlich auch die Frauen und alle anderen Geschlechter mitgemeint sind. Das ist ja recht nett. Aber von elf Künstlern zu sprechen, und dann ausschließlich Männer aufzuzählen, vermittelt ja schon den Eindruck, dass es eben keine Frauen gibt, die „einen bedeutenden Beitrag zur malerischen Moderne Österreichs geleistet haben“. Von Kunstgeschichte habe ich keine Ahnung, aber Google macht’s möglich: 2019 wurde die Ausstellung „Stadt der Frauen“ präsentiert, mit dem Ziel:

„den Blick auf die Wiener Moderne und die Zwischenkriegszeit zu erweitern. Im Mittelpunkt stehen jene Künstlerinnen, die viel zur Kunst dieser Zeit beigetragen haben.“ Weil:

„ihre Arbeiten werden bis heute in ihrer Bedeutung unterschätzt und kaum wahrgenommen.“

Ja, offensichtlich. Auch in 2021 noch.

Und so wie meine Nichte bei Lehrerin automatisch die weibliche Form verwendet, weisen zwar auch renommierte Printmedien mit ihrem Pseudo-Gsatzl auf die Inklusion aller in der männlichen Form hin, aber einen Sekretär oder Kosmetiker in Texten zu finden, ist mir bisher noch nicht gelungen.

Alles, was wir selbst wiederholen, ob in Gedanken, Sätzen, Handlungen, gräbt Furchen in unser Hirn – die berühmten „Autobahnen“ des Lernens, von denen Gerald Hüther immer so plastisch spricht.

Wenn ich mich selbst als schüchtern, langsam, angriffslustig sehe – und mich immer wieder so verhalte, bestätige ich mich damit und füttere meine Überzeugung, dass ich eben so bin und gar nicht anders kann.

Wenn du – jedes Mal wenn du wütend bist – von deinem Umfeld hörst, du solltest dich nicht so aufregen, oder du seist hysterisch, oder du solltest doch etwas mehr Verständnis haben und lieb und nett sein – und vielleicht sogar Sanktionen erfährst (Anschweigen, scharfe Zurechtweisung, Liebesentzug, etc.) – dann lernst du vielleicht mit der Zeit, deine Wut zu verstecken und stattdessen ein „angepassteres“ Verhalten an den Tag zu legen. Bis du irgendwann selbst glaubst, dass du total gelassen bist und dich eigentlich nichts wirklich aufregt. Oder, dass du schüchtern bist und deinen Mund lieber nicht aufmachst in einer großen Runde.

Wie Museen, öffentliche Räume, Print-Medien mit Gender-Gerechtigkeit umgehen, können wir sicher zu einem gewissen Grad beeinflussen – durch unser Konsumverhalten, darüber, wen wir wählen, durch Ansprechen und Aufzeigen von Miss-Ständen.

Wie wir selbst über uns und mit anderen sprechen, welche Adjektive wir dazu verwenden, uns selbst zu beschreiben, welche Wörter wir in unserem Denken verwenden – das können wir auf jeden Fall beeinflussen.

Du musst dich nicht „faul“ nennen, wenn du dir einen Tag frei nimmst, du brauchst nicht von „asozial“ sprechen, wenn du mal keine Lust hast, jemanden zu sehen, du kannst statt „unfähig“ ein anderes Adjektiv verwenden, wenn du etwas nicht gleich auf Anhieb zusammenbringst. Als gute Chef:In würdest du deine Mitarbeiter:Innen sicher nie so anreden. Weil du weißt, dass es kontraproduktiv ist und demotivierend. Nun, für dich und deinen Körper ist es nicht anders.

Sei freundlich zu dir selbst.

Das ist das Motto, an das ich meinen Klient:Innen immer wieder erinnere. Weil, das Leben ist anstrengend genug. Und sobald wir selbst kapiert haben, welchen Beitrag wir zu unserer eigenen Unzufriedenheit leisten – haben wir nicht nur ein Werkzeug, um ihr zu entgehen, wir können auch die Verantwortung an ihr niemand anderem mehr geben. Und der Weg, uns von überholten automatischen Verhaltensweisen – unseren Autobahnen –   zu verabschieden und Platz für Neues zu schaffen, ist anspruchsvoll genug.

Dazu kommt, dass wenn wir einmal beginnen, auf die „kleinen“ Dinge zu achten (vor kurzem wurde ich Zeugin einer Diskussion über die Verwendung von „Fräulein“ für unverheiratete Frauen), und uns die Diskrepanzen in den Legitimierungsversuchen für die Nicht-Verwendung gegenderter Formen (wie eben das Fehlen von Sekretären) – aufzufallen beginnen, dann gibt es auch hier zu tun. Denn es gilt, immer wieder unseren eigenen Realitäts-Check durchzuführen, damit die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten dort bleiben, wo sie hingehören – bei den Verursachern (und allenfalls -innen). Und nicht an uns haften bleiben und klebrig sind und uns glauben machen, die Dinge seien eben so, weil es nicht anders geht. Oder, dass es in der Zwischenkriegszeit in Österreich keine Künstlerinnen gegeben hat.

 

 

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