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Foto: Cora K. Hiebinger

 

Ich stehe nicht so auf Ungerechtigkeit.

Als ich klein war, wollte ich unbedingt Tierärztin werden.  Als Kind ließ ich mich von der allumfassenden Weisheit der Erwachsenen davon überzeugen, dass das keine gute Idee sei – „die Bauern kommen doch nie zu Dir als Frau.“ Da ich nicht nur Schoßhündchen behandeln wollte, sondern auch und vor allem große Tiere, und da ich die Dinge damals als gegeben hinnahm, wandte ich mich anderen Interessen zu.

Das war dann z.B. das Tanzen. Obwohl es nur wenige Männer in diesem Bereich gab, waren die meisten Lehrer und aufgeführten Choreographen Männer (und viel hat sich seither nicht geändert). An der Martha Graham School hatten fast alle Männer ein volles Stipendium. Ich erinnere mich speziell an einen Kollegen, der, mit leichter Wampe, selten im Training auftauchte und noch nicht einmal seine Füße streckte. Von uns Frauen gab es so viele, dass Stipendien selten waren – und wenn, dann hatten wir uns wirklich, wirklich anzustrengen, um es zu ergattern und dann auch zu behalten. Umgekehrt fällt mir dieser Zugang eher selten auf, dass – um die Frauenzahl in einem männerdominierten Bereich zu erhöhen, es irgendwelche aktiven Förderungen gäbe oder sich Lockmittel aus einem Füllhorn ergießen.

Als Kind erinnere ich mich an das beruhigende Geräusch der Nähmaschine, an der meine Mutter bis spät in die Nacht saß, um uns einzukleiden. Meine Mutter, die, als sie noch einer Lohnarbeit nachging, ihr Gehalt an meinen Vater, sprich – das Familienoberhaupt, abgab und dann regelmäßig um Wirtschaftsgeld betteln musste. Von meinem Vater, der am Sonntag auf der Couch schlief, während meine Mutter kochte, abwusch, die Küche putzte. Danach fuhren wir zu meiner Oma, in deren Küche die Frauen beisammensaßen und Essen herrrichteten, während die Männer im Wohnzimmer Schach spielten. Als ich mit 17 mit einem AFS-Stipendium ein Jahr in der Türkei lebte, hatte ich zwar Heimweh, aber relativ wenige Probleme mit der Anpassung – die Rollenverteilungen waren ähnlich, wenngleich noch etwas überzeichneter.

Zurück in Österreich war es dann aus mit dem Hinnehmen der Gegebenheiten. Eine Schulkollegin deckte mich mit einschlägiger Literatur ein und ich begann mich einzulesen – Alice Schwarzer’s „Der kleine Unterschied“, und die Klassiker „Die Töchter Egalias“ und „Die Scham ist vorbei“ standen am Beginn meines Politisch-Werdens, Frauen-, Friedens- und Anti-AKW-Demos der 80’er folgten, und dann natürlich die Stopfenreuther Au.

Meine Mutter hatte keine andere Wahl als sich zu emanzipieren, als sie plötzlich Alleinerzieherin dreier Halbwüchsiger ohne eigenes Einkommen war. Und wer einmal beginnt, die Dinge in Frage zu stellen, kann relativ schnell vieles bemerken, was im Argen liegt. Ich bemerkte also einiges, z.B.: ein Uni-Assistent, mit dem ich eine Affäre hatte kam zu dem Schluss, dass ich lesbisch sein müsse, weil ich die Pille nicht nahm und ihm vorschlug ein Kondom zu verwenden. Ein Studienkollege stellte fest, dass ich wohl einen Mini-Rock angehabt hätte, weil ich ein „Sehr Gut“ auf eine Prüfung bekam und meinte zum Drüberstreuen, er fühle sich benachteiligt, weil es fast ausschließlich männliche Professoren gäbe und ihm also diese Möglichkeiten, die er mir da ganz selbstverständlich unterstellte, nicht offenständen. Ein verheirateter Assistent, der Einfluss auf die Entwicklung meiner Diplomarbeit hatte, bedrängte mich über Jahre hinweg mit eindeutigen Angeboten und Anspielungen. In meinem einzigen Job in der Privatwirtschaft erfuhr ich, nachdem ich gekündigt hatte, dass ein Teamkollege, der sein Studium noch nicht abgeschlossen hatte, keinerlei relevante Berufserfahrung mitbrachte und 2 Jahre nach mir eingestiegen war, mehr verdiente als ich. Das erklärt die Vertragsklausel im All-Inclusive, die uns untersagte über unsere Gehälter zu sprechen. Das sind, wie gesagt nur ein paar „Highlights“.

Wenngleich es in meinem Alter in gewisser Weise angenehmer ist auf die Straße zu gehen, weil ich mittlerweile der Unsichtbarkeit anheimgefallen bin und es kein Betatschen, Pfeifen, und keine mehr oder weniger „charmanten“ Bemerkungen über Körperteile mehr gibt, war ich doch kürzlich erstaunt, von einem betagtem Sportlehrer abfällig auf mein Dekolleté angesprochen zu werden – das darin bestanden hat, dass ich keinen Rollkragenpullover getragen habe. Die alte Scham kam da gleich wieder zurück, dass ich da etwas falsch gemacht hätte.

Und abgesehen davon, dass ich mir für meine Nichten und die Töchter meiner FreundInnen wirklich wünsche, dass ihnen diese mir in jüngeren Jahren allgegenwärtigen „Highlights“ erspart bleiben mögen, nervt es mich ehrlichgesagt nach wie vor, dass jede männliche Person, die einmal irgendwo einen Mucks gemacht hat, in einem Straßennamen verewigt worden ist, während selbst berühmte Frauen kaum vertreten sind. Mein Vater schenkte mir und meinen Geschwistern einmal je ein Exemplar von Dietrich Schwanitz’s „Bildung – Alles, was man wissen muss“. Der Vorwurf im Spiegel: „Auf 500 Seiten dampfte Schwanitz 2500 Jahre abendländischer Geschichte ein“ betraf die „Vereinfachung bis zur Unkenntlichkeit“, nicht jedoch das Fehlen der Frauen. Die Süddeutsche Zeitung hat in ihrer Reihe „50 große Romane des 20. Jahrhunderts“ und „Weitere 50 große Romane des 20. Jahrhunderts“ mehr als 90% männliche Autoren. Ich muss wirklich nicht lange nachdenken, damit mir ein paar großartige Bücher von Autorinnen aus dem 20. Jahrhundert einfallen, die auch nicht alle weiß sind. Kate O’Riordan, Patricia Highsmith, Marlen Haushofer, Edwidge Danticat, Emmmanuéle Bernheim, Alice Munro, Anna Mitgutsch, Paule Marshall, A.L. Kennedy, Yoko Ogawa, Alice Walker, Annie Proulx, Margret Atwood, Octavia Butler, Gloria Naylor, Toni Morrison, Joyce Carol Oates, Anita Brookner, Jhumpa Lahiri, Toni Cade Bambara….. Und sexistische Werbung, in der sich (halb)-nackte Frauen auf verschiedensten Gebrauchsgegenständen rekeln ist da noch gar nicht erwähnt.

Wir haben 2018. Und ich bin immer wieder fassungslos. Auch darüber, dass ich entweder als „überempfindlich“ oder „militant“ bezeichnet werde, sobald ich diese Schieflage anspreche. Oder mir unterstellt wird, dass ich gegen Männer bin oder sie gar hasse. Nein, bin ich nicht. Nein, tue ich nicht. Ich mag Ungerechtigkeit nicht.

Und ja, es nervt mich, wenn ich im Anatomieunterricht ständig von den Supermuskeln der starken Männer höre, und die Frauen wieder einmal nur beim Glutaeus erwähnt werden, „der ja wohl knackig zu sein hat“ (O-Ton Krafttraining Guru), und der bei „Schwächeln“ – zum „die Männer erfreuenden“ Po-Wackeln führt. Da hilft es dann wirklich nur mehr, sich rehäugig zu inszenieren und unschuldigst nachzufragen, ob diese Muskeln aber schon bei Frauen und Männern existieren und dieselbe Aufgabe haben.

Und nein, ich fühle mich nicht inkludiert, wenn ständig nur die männliche Form verwendet wird. Allen, die in ihren Texten als Fußnote anfügen, dass aus „Gründen der besseren Lesbarkeit“ die männliche Form verwendet wird, aber Frauen selbstverständlich auch mit gemeint sind kann ich nur sagen – wenn sich in den Hirnen, unserer Wahrnehmung, im, „Hinnehmen der Gegebenheiten“ etwas ändern soll, dann ist so ein Hinweis einfach nicht nur nicht genug, sondern ganz einfach lächerlich. Schreibt einfach mal alles in der weiblichen Form, und schreibt den Hinweis dahingehend um, dass selbstverständlich Männer auch gemeint sind. Und genau wie in einem Lernprozess, jede/jeder, der/die eine Veränderung anstrebt und sich mehr Gerechtigkeit in diesem Kontext wünscht, sollte seine Aufmerksamkeit schulen und immer wieder Dinge ansprechen. Ich bin über 50 und kann mich mittlerweile schon ganz gut wehren, aber ich finde den Status quo trotzdem nach wie vor irritierend – und ich möchte, dass sich etwas ändert. Damit nicht auch die nachfolgenden Generationen (meiner Nichten und Töchter von FreundInnen) so viel ihrer Energie in das sich wehren und schützen und abgrenzen stecken müssen, sondern ganz einfach in Ruhe Ihr Leben leben können.

In diesem Sinne gibt es diesen Mai ein Spezial-Paket.

 

Ja. Und.

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