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Gedanken über Trauer und Schmerz, 1

Einer meiner Grinberg-AusbildnerInnen hat mich einmal als die größte Schmerz-Vermeiderin seit langem bezeichnet. Sicher habe ich auch mehr als einmal meine Praktikerin (eine der erfahrensten und besten in Wien) zur Verzweiflung gebracht, weil ich mich in meiner stadtbekannten Sturheit über lange Zeit konsequent geweigert hatte, mich auf Schmerz einzulassen. Ich kann mich noch heute erinnern, wie verwundert wir beide waren, als ich zum ersten Mal während einer Sitzung nicht wie üblich darauf reagierte, sondern sehr undramatisch zustimmte, den Schmerz zu spüren, weiter zu atmen und ihn sich und mich verändern zu lassen.

Das ist mittlerweile Jahre her. Wenngleich es in Sachen Wahrnehmungsschulung, Aufmerksamkeit und Akzeptanz für das, was ist, ganz sicher nicht enden wollendes Entwicklungspotential gibt, kann ich mittlerweile mit Schmerz ganz gut umgehen. Auch wenn er herzzerreißend ist, bleibt mir doch das Vertrauen, dass er mich trotz allem nicht zerschmettern wird – solange ich zulasse, dass mich der Schmerz berührt, mir nahegeht, mich weichklopft.

In der Arbeit mit meinen KlientInnen hilft mir meine Sturheit ganz ungemein. Da es mir selbst so schwergefallen ist, den Umgang mit Schmerz zu lernen, habe ich auch den größten Respekt vor allen, die immer wieder den Mut aufbringen, sich dem zu stellen, was ist: sei es nun der Schmerz selbst oder die Angst davor. Und so bleibe ich bei meiner „Überzeugungsarbeit“, so wie meine PraktikerInnen für mich dabeigeblieben sind.

KlientInnen fragen mich oft, was sie denn davon hätten, ihren Schmerz zu spüren. Wozu sich einem Gefühl öffnen, das sich anspürt als würde Dir das Herz aus der Brust gerissen, als wärst Du für immer verloren? Warum die Trauer über etwas spüren, das Du schon lange abgehandelt glaubtest?

Schmerz ist sowieso da. Ob wir ihn spüren, oder nicht – wenn er da ist, ist er da. Wir können uns einreden, es sei alles halb so schlimm und die Mantras unserer Großmütter wiederholen – „bis du heiratest, ist es wieder gut“. Wir können auch versuchen, uns „nicht so aufzuregen“, „nicht so aufzuführen“, „nicht so traurig zu sein“. Wir können daran glauben, dass auch andere Mütter schöne Söhne und Töchter haben, dass es eine Erlösung für die Gestorbenen sei, die Zeit alle Wunden heilt.

Und bis zu einem gewissen Grad stimmt das ja auch – selbst der größte Herzschmerz verblasst nach einiger Zeit zu etwas wie Wehmut über das, was verloren gegangen ist oder zu Trauer darüber, dass die Dinge gelaufen sind, wie sie gelaufen sind.

Wenn ich jetzt an meine Großmutter denke, kann es schon sein, dass mir nach wie vor die Tränen kommen. Aber nicht mehr dann, wenn ich einen fast verschollenen Ausdruck höre, den sie immer verwendet hat oder eines der unzähligen Geschirrtücher zur Hand nehme, die ich regelmäßig zu verschiedenen Anlässen von ihr bekam; sondern dann, wenn ich daran denke, was ich verabsäumt habe: dass ich sie nicht so oft besucht habe wie sie sich das gewünscht hätte, sie nicht in die Stadt begleitet habe, wie ich es versprochen hatte, weil ich dann doch „zu beschäftigt“ war.

Der Schmerz darüber sorgt dafür, dass meine Prioritäten nun andere sind und hat mich von einer nicht so guten Enkelin zu einer besseren Tante, Tochter und Schwester gemacht.

Und wären wir nicht traurig über das Ende einer Beziehung – was würde das über die Beziehung aussagen, wie respektlos wäre das gegenüber uns selbst und gegenüber der Person, mit der wir vielleicht jahrelang unser Leben geteilt haben?

Und wer würde jemals aufstehen, um gegen eine Ungerechtigkeit aufzubegehren, sich zum Sprachrohr für Schwächere, Sprachlose machen, wenn er oder sie nicht den Schmerz darüber spürte, dass es so ungerecht ist und ganz einfach etwas tun muss?

Und ja, möglicherweise bist Du zur selben Zeit auch wahnsinnig zornig, oder vielleicht sogar erleichtert, aber eben auch traurig. Unser Körper hat kein Problem damit, gleichzeitig widersprüchliche Gefühle zu haben. Nur unser Verstand liebt das Entweder-oder-Schubladendenken.

Auch wenn es pathetisch klingt: Schmerz ist ein großer Lehrmeister. Er sorgt dafür, dass wir schmerzhafte Fehler nicht wiederholen möchten, er lehrt uns Respekt und Empathie, er sorgt dafür, dass wir Dinge verändern, die nicht so bleiben dürfen, wie sie sind. Und er verändert auch uns – jedes Mal, wenn wir uns das Herz zerreißen, uns von ihm berühren lassen, macht er uns in der darauffolgenden, langsamen Heilung sanfter und kraftvoller. Und wenn wir diesen natürlichen Prozess erlauben, ist das wie ein Frühjahrsputz und unser Herz viel eher bereit, sich von neuem zu verlieben, uns auf jemanden oder etwas voll und ganz einzulassen oder für etwas einzusetzen. Damit diese neue Person oder Sache eine gerechte Chance erhält und nicht von vorneherein alte Geschichten umgehängt bekommt, die nichts mit ihr – wohl aber mit Dir – zu tun haben.

Eine Klientin von mir war neulich etwas skeptisch und verwundert darüber, dass sich die anfänglich überwältigend anfühlende Traurigkeit am Ende der Sitzung in eine tiefe Ruhe und Stille verwandelt hatte. Der Körper ist eben sehr undramatisch – er weiß schon lange, dass Schmerz Teil des Lebens ist, dass die Fähigkeit traurig zu sein die Welt menschlicher macht – und unser Körper hat kein Problem damit, er kann mit Schmerz umgehen.

Wenn Du mehr dazu erfahren möchtest – am 24. Juni 2017 kannst Du es beim nächsten Get_It_Done zum Thema „Schmerz lass nach“ – kostenfrei ausprobieren. Welche ähnlichen oder anderen Erfahrungen hast Du gemacht mit Schmerz? Ich bin gespannt auf Deinen Kommentar!

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