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Foto: Tom Reichner/shutterstock.com

Warum es Sinn macht, uns darüber klar zu werden wovor wir Angst haben (sollten).

Wenn mich heute Leute fragen, wie ich das denn hingekriegt hätte – mit 30 nach New York zu gehen, um eine professionelle Tanzausbildung zu machen – kann ich nur sagen – hätte ich mir das alles genauer überlegt, wäre ich nie im Leben in Amerika gelandet. Meine Angst vor dem lebenslangen Bereuen – davor, meinen Traum endgültig aufzugeben ohne es zumindest versucht zu haben – war einfach größer als die, ins Flugzeug zu steigen und es darauf ankommen zu lassen.

Hätte ich den Schauermärchen über den Big Apple Glauben geschenkt, die mir ab der Bekanntgabe meiner Pläne erzählt wurden, wäre es mir möglicherweise ähnlich ergangen wie 1819 der schiffsbrüchigen Crew des Walschiffs Essex (die später Herman Melville zu Moby Dick inspirierte) denen drei Möglichkeiten offenstanden: sich auf das sagenumwobene Tahiti zu retten, schweren Stürmen auf der Passage zu einer anderen Insel zu trotzen oder  – auf die Gefahr hin zu verhungern und zu verdursten das tausende Kilometer entfernte Festland anzusteuern. Statt sich jedoch vor dem langsamen Sterben auf dem ihnen bekanntem Rettungsboot zu fürchten, hatten sich die Horror-Stories über Kannibalen auf dem nahen Tahiti so in ihr Denken eingeprägt, dass sie die Route nach Südamerika einschlugen und die Hälfte der Besatzung starb.

Üblicherweise müssen wir unsere Entscheidungen nicht in solch lebensgefährlichen Situationen treffen. Tatsache ist jedoch, dass uns manche Dinge, die wir uns in den buntesten Farben als schreckliche Monster vorstellen, unser Leben weit weniger in Gefahr bringen als andere Bedrohungen, die sich subtil und langsam anschleichen: so befürchten wir vielleicht, bei der nächsten Beförderung übergangen zu werden oder eine Rüge beim nächsten Mitarbeiter*Innengespräch, wenn wir nicht Arbeit mit nach Hause nehmen und jedes Mail der Chefitäten umgehend beantworten (und sei es um 23 Uhr) – sehen aber nicht, dass wir unsere Beziehung durch „Nicht-Anwesenheit“ gefährden und unser steigendes Arteriosklerose-Risiko durch mangelnde Bewegung uns jedes Jahr dem Herzinfarkt näher bringt.

Angst ist eine Emotion, die bei einer realen oder vorgestellten Bedrohung auftritt und stammesgeschichtlich als Warn- und Schutzfunktion herausgebildet wurde: Angst bewirkt, dass wir Fliehen oder Situationen (die Schmerz, Verletzung oder Tod zur Folge haben könnten) aktiv oder passiv vermeiden (fight oder flight). Angst macht uns wach und aufmerksam, sie schärft unseren Fokus auf das Wesentliche, sie hilft uns, Prioritäten zu setzen und sorgt dafür, dass wir uns lebendig fühlen und es auch bleiben. Das Problem ist, dass wir ganz oft auf Angst mit einem bestimmten Zustand reagieren (z.B. werden wir grantig und aggressiv oder lethargisch und niedergeschlagen statt die Angst als solche zu spüren oder uns auch nur bewusst sind, dass wir eigentlich Angst haben) und unser System auch sehr empfänglich dafür ist sich Ding einreden zu lassen (d.h. wir sehen dann Bedrohungen in Personen oder Situationen, die gar keine sind).

Es wird angenommen, dass die häufige Angst vor z.B. Schlangen oder Spinnen oder vor der Dunkelheit genetisch in uns festgeschrieben ist. Darwin führte dazu einen Selbst-Test aus, in dem er sich im Londoner Zoo vor ein Schlangen-Terrarium stellte und jedes Mal, wenn eine Viper attackierte mit Angst verzerrtem Gesicht zurücksprang:

„…My will and reason were powerless against the imagination of a danger which had never been experienced.“

beschreibt er diese Erfahrung in seinem Tagebuch.

Neben diesen typischen Ängsten, die wohl Teil unseres Mensch-Seins sind, gibt es auch kulturell spezifische Ängste (wie z.B. Taijin kyofusho in Japan: „die Angst, dass der eigene Körper (durch Aussehen, Bewegung, Gesichtsausdruck oder Geruch) andere in Verlegenheit bringt.“ Und in Florida wird jemand eher Angst haben vor einem Hurrikan als in Niederösterreich. Was ja auch Sinn macht. Wenn wir Angst als das sehen, was sie ist – als Warn- und Schutzmechanismus – dann ist es durchaus gut, sie zu spüren und sich damit zu beschäftigen, welche Risiken es gibt. Es gibt sogar den Begriff „Productive Paranoia“ aus der Wirtschaft, definiert als die Fähigkeit, hinsichtlich potentieller Gefahren extrem wachsam zu sein und sich mit klarem Kopf auf alle Eventualitäten vorzubereiten und nötige Handlungen zu setzen. Also nicht blauäugig und naiv darauf zu hoffen, dass bei dem nächsten Projekt schon alles gut gehen wird, sondern sich schon prophylaktisch einen Plan B (und allenfalls Plan C) zu überlegen.

Es geht also nicht darum, furchtlos zu sein. Es geht darum, aufmerksam in der Realität zu sein und anzuerkennen, dass wir in einer beängstigenden Zeit leben; zuzustimmen, dass uns Dinge Angst machen; uns über Risiken und Gefahren klar zu werden und uns so weit das möglich ist darauf vorzubereiten. Wenn wir zustimmen, unsere Angst zu spüren, weiter zu atmen und unseren Körper trotz allem möglichst zu entspannen, kann die Angst uns Klarheit geben, uns lehren, worauf wir achten sollten, was eine wirkliche Bedrohung darstellt und was nicht, was zu tun ist, um uns zu schützen und wann es Zeit ist, Dinge hinter sich zu lassen oder überhaupt abzuhauen.

Ich habe vor vielen Dingen Angst. Angst nicht als verzweifeltes Zähneklappern und einem Gefühl des „es-durchstehen-müssens“ das mich nur noch darauf warten lässt, dass „es“ vorbei ist, sondern als große Klarheit darüber, dass ich sterblich bin und auf manche Dinge nur sehr wenig Einfluss habe: z.B., dass ich nicht mehr 17 bin und keine gefühlte Ewigkeit vor mir liegt in der ich die Dinge, die mir wirklich wichtig sind tun (oder lassen) kann.

Ich habe Angst davor, dass Bienen und andere wichtige Bestäuber eingehen, weil sich Regierungen nicht dazu durchringen, Neonicotinoide (und andere Pestizide) zu verbieten, die nachweislich zum Bienensterben beitragen; und dass das Umweltbewusstsein von vielen so gering ist, dass sie es noch nicht einmal der Mühe wert finden, den Zündschlüssel umzudrehen und den Motor ihres geparkten Autos abzustellen.

Ich habe Angst vor dem Freihandelsabkommen TTIP, dass die hart erkämpften, strengeren EU-Standards für Lebensmittelsicherheit und Umweltschutz an die viel lascheren Standards der USA anpassen soll und transnationalen Konzernen im Rahmen von Investor-State Dispute Settlements (ISDS) die Macht gibt, Regierungen zu klagen, wenn deren demokratisch erarbeiteten Richtlinien (z.B. Umweltauflagen) die Gewinne solcher Großkonzerne schmälern – und davor, dass wir in einer Welt leben, in dem solche Abkommen überhaupt ernsthaft angedacht werden.

Ich habe Angst vor einem Politiker, der uns zeigen will, was alles möglich ist und der ein lobendes Vorwort für einen Autor schreibt, der in 2016 u.a. folgende Passage von sich gibt:

„Der vom Thron des Familienoberhaupts gestoßene Mann sehnt sich unverändert nach einer Partnerin, die in häuslichen Kategorien zu denken imstande ist und deren Brutpflegetrieb auferlegte Selbstverwirklichungsambitionen überragt“.

Und vor Leuten, die ernsthaft Trump ihre Stimme geben wollen, obwohl er auf seinem Weg zum Reichtum regelmäßig kleine Businessleute übers Ohr gehauen hat, anscheinend seit Jahren keine Steuern zahlt und die sexistischen und rassistischen Äußerungen nur so aus ihm herausquellen.

Somit ist ein erster Schritt getan: nicht nur in eine genervte oder hoffnungslose Stimmung ab zu tauchen, sondern zu erkennen, dass da Angst ist (und allenfalls auch eine gehörige Portion Wut).

Selbst wenn in Österreich die Wahrscheinlichkeit, aufgrund von Bewegungsmangel und Stress einen Herzinfarkt zu erleiden um einiges größer ist, als einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen und die Wahrscheinlichkeit, einen Verkehrsunfall zu haben größer als die, ermordet zu werden ist es doch durchaus ratsam, unsere Aufmerksamkeit zu trainieren, damit wir das nächste Mal, wenn uns in der U-Bahn ein seltsames Gefühl beschleicht weil jemand zu sehr auf Tuchfühlung geht oder uns anrempelt vielleicht auffällt, dass da gerade Taschendiebetricks im Gange sind. Und es hilft, aufmerksam zu sein darauf, wer uns was glauben machen will und warum, Informationen einzuholen, und wach zu bleiben. Wach zu bleiben, und sich nicht zudröhnen und einlullen zu lassen von sich gebetsmühlenartig wiederholenden „Achtung’s!“ („….der Kaffee ist heiß, …zwischen U-Bahn und Bahnsteig ist ein Spalt, …die Mikrowelle eignet sich nicht dazu, ihren Hund zu trocknen….“) sondern doch lieber selber zu denken und aufmerksam zu bleiben.  Damit uns unsere ganz privaten oder von den Medien geschürten Monster nicht ins Verderben treiben wie die Crew der Essex, oder uns unbegründeterweise vom Versuch abhalten unsere Träume zu verwirklichen.

Wovor hast Du Angst? Und wie sind Deine Erfahrungen damit, ihr ins Auge zu schauen? Ich bin gespannt auf Deinen Kommentar.

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