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Foto: Cora K. Hiebinger

Warum der Vergleich Dich doch nicht sicher macht.

Als ich noch in die Schule ging, fuhren viele meiner KlassenkameradInnen nach Italien auf Familienurlaub. Bibione war einer der Orte, die mir aus ihren Erzählungen in Erinnerung geblieben sind: Meer, Sonne, riesige Eisbecher, Nudeln als Vorspeise, im Teenageralter dann zusätzlich die feschen, schwarzhaarigen Italiener (das war vor der allgemeinen Koedukation). Das war damals der Gipfel des Exotischen.

Da konnte ich nicht mithalten. Bei uns gab es keinen gemeinsamen Familienurlaub und ich nahm viele Jahre am Ferienprogramm der Stadt Linz teil, das die Kids, die nicht nach Italien fahren konnten, auf Sommerfrische ins Mühlviertel schickte. Da gab es dann 3 Wochen lang frische Luft an der tschechischen Grenze, basteln, Partys, Theater, Wald und – besonders aufregend – der verbotene Schritt über den eisernen Vorhang in der Mitte des seichten Grenzflusses Maltsch. Es machte Spaß, den ganzen Tag draußen zu verbringen und manche dort geschlossenen Freundschaften hielten jahrelang. Der Neid darüber, nicht in Italien gewesen zu sein kam erst im Nachhinein, nachdem Schulkolleginnen meine Erzählungen nur müde belächelten und ich im großen Kreis der Italienexpertinnen nicht mitreden konnte. Das Mühlviertel hielt dem Vergleich einfach nicht stand.

Es gab da noch einige Situationen, in denen ich im Vergleich mit anderen nicht mitkam. Ich trainierte nicht im neuen, supercoolen Jazzdance-Studio und wurde deshalb nicht eingeladen, bei den Kurzchoreographien mitzumachen, die in den Schulpausen unter der Leitung eines Mitglieds eben jenes Studios einstudiert wurden; der Vorgesetzte meines Vaters, der mit seiner Familie zufällig im selben Wohnblock wohnte wie wir, untersagten seinen Kindern mit uns zu spielen, weil der Klassenunterschied denn doch zu groß sei; meine Mutter achtete stets auf gesunde Füße und so war an Absätze oder sonst wie fesche, schnittige Schuhe nicht zu denken.

All das führte dazu, dass ich mich kränkte und, um mich nicht ständig unterlegen zu fühlen, mir gute Argument überlegte, warum es ja sowieso viel besser sei, wie es in meinem Leben war: Jazzdance war ja nichts im Vergleich zum klassischen Ballett, das ich im (subventionierten) Konservatorium lernte. Die Chefkinder waren vielleicht finanziell bessergestellt, aber wir waren „braver“ und hatten bessere Noten; und all die Mädels, die schon als Teenager Stöckelschuhe trugen hatten ja keine Ahnung, was das für die Zukunft ihrer Füße, Beine und Rücken bedeutete.

Das zweite große Vergleichs-Schlachtfeld war zwischen mir und meiner großen Schwester. Die war schon damals fast 5 Jahre älter als ich und meine Bemühungen ihr nachzueifern und all das zu können, was sie konnte waren v.a. in jungen Jahren natürlich zum Scheitern verurteilt.

Wie oben schon erwähnt führt das „uns mit anderen vergleichen“ oft dazu, dass wir uns unterlegen fühlen und dann etwas tun, damit wir nicht mehr unterlegen sind – d.h. wir heben andere auf ein Podest, um sie auch sogleich wieder runterzustoßen. Und dann machen wir das gegenseitig ständig – rauf, runter, rauf, runter, …… Mühsam. Und nicht förderlich für gleichberechtigte, ausgewogene Beziehungen. Niemand mag klein gemacht werden, aber auch auf ein Podest gestellt zu werden ist anstrengend und nervig.

Wenn wir uns mit anderen vergleichen vergessen wir außerdem oft zu spüren, was wir eigentlich selbst wollen. Das ist ja möglicherweise gar nicht das, was die anderen haben oder tun.

Und zuletzt – wir sind alle verschieden und haben unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Wenn jemand gerade mit Pilates beginnt macht er eine Übung möglicherweise mit gebeugten Beinen und schafft 5 Wiederholungen. Wenn jemand schon länger trainiert macht sie die Übung mit gestreckten Beinen und zusätzlich vielleicht noch auf labilem Untergrund.

Die Grinberg-Methode bietet probate Werkzeuge, körperlicher und mehr in der Realität zu sein. Das hilft dann auch, das Leben und die Menschen zu sehen wie sie sind und das Große-Ganze besser wahrzunehmen; sich z.B. nicht eine einzelne Eigenschaft herauszupicken, bei der jemand anderer besser abschneidet. Eine SprinterIn kann vielleicht schneller laufen, hat dafür aber weniger Ausdauer. Es ist mühsam – um nicht zu sagen unmöglich – in allem Gut oder gar der/die Beste zu sein.

Das Leben ist um vieles einfacher, seit ich mich nicht mehr vergleiche. Auch meine Beziehungen sind einfacher, angenehmer, sauberer.

Meine große Schwester hat mir zum 50’er eine wunderschöne Patchwork-Decke genäht

– das ist etwas, was ich in diesem Detailreichtum wohl nie fertigbringen werde. Mein Interesse an Patchwork und Decken endet aber auch damit, mich an ihrem Anblick zu erfreuen und mich an kalten Winterabenden in sie einzuwickeln. Wenn ich eine Frage in Sachen Medizin habe, weiß sie als Ärztin immer einen Rat – in Sachen Bewegungsabläufe und Bewegungsapparat fragt sie aber mittlerweile mich – die kleine Schwester. Seit ich mich nicht mehr mit ihr messe und vergleiche sehen wir uns besser. (Und auch wieder öfter).

In Bibione oder Bali – dem heutigen Pendant dazu – war ich immer noch nicht, denn ich genieße weiterhin Urlaub an Orten, an denen es kaum TouristInnen gibt und wo ich in kein Flugzeug steigen muss, sondern mit dem Zug anreisen kann.

Es gibt durchaus Situationen, wo es etwas bringt, sich zu vergleichen. In New York fiel mir auf, dass viele Familien einen sehr starken Familienzusammenhalt lebten. Das vermisste ich bei meiner Familie damals noch und wollte es auch. Zu sehen wie es sein kann und zu spüren, dass man es selbst nicht hat kann eine große Motivation für Veränderung sein. Und so haben wir es verändert und jetzt ist es gut – so wie ich es möchte. Ich bin sehr dankbar für meine Familie und dafür wie mein Leben ist. Und ich möchte wirklich mit niemandem mehr tauschen. Denn Tatsache ist – es gibt in jedem Leben, in jeder Familie irgend etwas. Irgend etwas das nicht so gut funktioniert, schwierig ist. Weil das Leben eben so ist. Ich denke, die eigenen Bündel sind da noch immer die, die für einen selbst am besten zu tragen sind.

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