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Foto: SK.Chavan/Shutterstock.com

“If I miss one day’s practice I know it. If I miss two days my friends know it; and if I miss three days the public knows it.” Dieses Zitat, das u.a. Rubinstein zugeschrieben wird, war auch zu meiner Zeit in der Tanzwelt sehr beliebt. Unter Freund*Innen und Kolleg*Innen haben wir es häufig augenzwinkernd als Motivator verwendet, wenn die stürmische Eiseskälte eines New Yorker Winters oder die allgemeine Müdigkeit nach einer Performance oder einer Nachtschicht im Catering oder Babysitten uns das Zehn-Uhr-Training nicht wirklich verlockend erschienen ließ.

Und dann die Neugierde (manchmal durchaus entnervt 😎 ), in einer Floor-Barre (Bodenballett) einen obskuren, kleinen Muskel zu suchen, von dem aus eine bestimmte Bewegung angesteuert werden sollte, um noch mehr Kontrolle für die nächste Choreographie zu erlangen und gleichzeitig unsere Knochen zu schonen. Ich kann mich noch gut an dieses ganz spezielle Gefühl erinnern  –  mich von oben bis unten zu spüren: wie wenn ein ganz leichter Muskelkater Dir beweist, dass du ein Körper bist, der Muskeln und Sehnen und Bänder hat die täglich ihrer Bestimmung zugeführt werden. *Gnothi Seautón – nicht philosophisch sondern physisch.

Ich muss zugeben, dass auch ich dieses Ganzkörpergefühl schon lange nicht mehr in dieser Intensität gespürt habe. Lange ist es her, dass ich täglich zwischen 1,5 und 3h trainiert habe und auch den Rest des Tages körperlich aktiv verbrachte. Und egal ob selbständig oder angestellt – wer hat als Erwerbstätige*r mit allen Anforderungen eines Berufs- und Privatlebens schon genügend Zeit sich wirklich täglich mit dem „Gestell“ zu beschäftigen?

Wenn wir uns nicht mit dem Körper beschäftigen, beschäftigt er uns.

Der Körper verzeiht uns wirklich lange vieles, aber irgendwann reicht es ihm ganz einfach. Mein Interesse, die Grinberg-Methode zu lernen wurde u.a. speziell durch die Aussicht motiviert, Recovery (d.h. durch Aufmerksamkeit Bedingungen zu schaffen, die es dem Körper erleichtern, nach einer Verletzung oder bei einer langsam entstandenen Beschwerde sein Ding zu tun und sich wieder „ins Lot“ zu bringen) mit dem zu kombinieren, was ich schon über die gesunde, „richtige“ Verwendung des Körpers wusste. Unüberbrückbare Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Ansätzen solcher Methoden wurden mir prophezeit unter der Prämisse, dass der Körper selbst am besten weiß, was gut für ihn ist, dass es nichts „grundsätzlich Richtiges“ gäbe und jegliche Vorgabe von Übungen zur körperlichen Ertüchtigung ihn nur dabei stören würde, seine ganz individuelle Freiheit zu finden. Für einige Zeit habe ich auch wirklich mit dem „fehlenden roten Faden“ in meinem Lebenslauf gehadert. So viel Zeit, Geld und Energie investiert in Tanz, Pilates, Yoga, Spiraldynamik, kreative Bewegung – nur um es nun über Bord zu werfen im Bestreben, meine Klient*Innen auf ihrem Weg zu unterstützen und nicht gar zu behindern?

Je mehr ich mich jedoch wieder auf eines meiner ursprünglichsten Interessen – die Biologie des Körpers – besinne und je mehr sich die erwarteten Widersprüche in der Realität auflösen, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass sich die Methoden, die ich gelernt habe und weiter erforsche nicht nur nicht gegenseitig behindern, sondern ganz im Gegenteil unterstützen. In allen spielt Aufmerksamkeit und Atmung eine große Rolle, spüren, herausfinden wie das Allgemeingültige (wir sind Körper; ein Scharniergelenk ist ein Scharniergelenk ist ein Scharniergelenk) sich auf das Individuelle, Persönliche anwenden und anpassen lässt.

Einer meiner Lehrer der Spiraldynamik, der mit unglaublicher Aufmerksamkeit berührt und dem Körper quasi zuhört, bevor er eine vorgegebene, funktionell anatomische Bewegung ausführt, hat es in einer Fortbildung folgendermaßen auf den Punkt gebracht: Je aufmerksamer und genauer wir die Bewegung führen, je näher wir (durch unsere Berührung) dem kommen, wofür der entsprechende Bereich eigentlich gedacht ist, desto eher ist es möglich, unser System daran zu erinnern – ah ja, da war doch was; so war es eigentlich gedacht, da gehört es hin, so spielt alles harmonisch zusammen und erlaubt damit Bewegungsfreiheit und ein Wiedererkennen unserer ursprünglichen, körperlichen Möglichkeiten. Als gäbe man dem Körper einen Wegweiser, damit er in seinem konstanten Bestreben, sich ins Gleichgewicht zu bringen, frei und eben unser, ganz individueller Körper zu sein, sich ein oder zwei Umwege erspart.

Oft sind es kleine Korrekturen, die einen großen Unterschied machen. So drehte eine Klient*In, in deren Lernprozess es u.a. um Standfestigkeit ging, ihr rechtes Bein leicht nach innen. Allein dadurch, dass sie lernte, ihre Beinachse auszurichten, erlangte sie sofort mehr Bodenhaftung und Stabilität. Oder eine Klient*In, die unter verspannten Schultern und Kopfschmerzen litt: sobald sie ihre Haltung korrigierte, d.h. ihren leicht nach hinten lehnenden oberen Rücken und den vorgeschobenen Kopf über das Becken ins Lot brachte war sofort ein Teil der Anstrengung weg, die ihr Körper machen musste, damit er nicht umfiel bzw. den Kopf nicht „verlor.“ Dann konnten wir in Ruhe an dem automatischen Zustand arbeiten, der u.a. beinhaltete, dass sie die Schultern hochzog und die Stirn runzelte, sobald es stressig wurde.

Tatsache ist, dass wir alle Haltungs- und Bewegungsmuster haben und diese unseren Körper häufig einer Mehr- bzw. Fehlbelastung aussetzen. Diese Bewegungsmuster haben wir genauso gelernt wie unsere Verhaltensmuster, die sich jetzt in unserem Leben als automatischer Zustand manifestieren. Tatsache ist auch, dass unser Körper für Bewegung geschaffen wurde und es uns nicht (immer) leichtfällt, genügend Bewegung in unseren Alltag einzubauen. Wenn wir uns jedoch nicht die Zeit nehmen, uns um unseren Körper zu kümmern, werden wir früher oder später dazu gezwungen es doch zu tun (außerdem ist der Zeitaufwand nicht wirklich so wahnsinnig groß: in einer 2015 im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlichten, groß angelegten Studie stellten die Autor*Innen fest, dass bereits eine geringe Anhebung des Aktivitätslevels von großem Nutzen für die Gesundheit und Lebensdauer ist. Die WHO empfiehlt für die Altersgruppe 18 – 64 ein Minimum an aerober körperliche Aktivität mittlerer Intensität für 150 min/Woche oder intensiver Intensität für 75 min/w (oder eine Kombination der beiden). Die Einheiten sollten jeweils mindestens 10 min lang dauern. Das heißt, dass täglich 20 min flottes Gehen Dein Risiko für viele weitverbreitete und häufig chronische Erkrankungen (wie z.B. Schlaganfall, Typ-2-Diabetes, Krebs und Depression) senkt. Damit ich nicht nur theoretisch predige, bin ich seit April stolze Besitzerin eines Schrittzählers, der motivierend kurz vibriert, wenn ich das tägliche Minimum von 10 000 Schritten erreicht habe. Außerdem habe ich wieder begonnen, selbst zu trainieren. Weit davon entfernt, wie früher drei Stunden täglich dafür aufzuwenden, mache ich z.B. jeden Tag zumindest etwas, trainiere nach meiner Mattenstunde im Pilatesstudio selbst an den Geräten und habe begonnen, mit einer Freundin Wing Tsun zu üben.

Ein paar Grunddinge über die Anatomie deines Körpers zu wissen ist durchaus hilfreich –  dieses Wissen im Alltag einzubauen und jeden Tag 5 – 10 min mit Aufmerksamkeit eine sinnvolle Übung zu machen, die Muskelkraft, Beweglichkeit und Körperaufmerksamkeit fördert ist auch für Dich machbar – und dein Körper wird es dir danken. Gleichzeitig kann jede Art der körperlichen Übung, die Du mit Aufmerksamkeit ausführst, dazu dienen, Dich mehr in Deinen Körper, und Dich Dir Schritt für Schritt näher zu bringen; somit kannst Du Deinen Lernprozess auch beim täglichen Spaziergang oder im Fitness-Studio bereichern und vorantreiben.

Damit Du sofort etwas für die Entlastung deines Bewegungsapparates und zur allgemeinen Anspannungs-Reduktion tun kannst, hier eine kurze Anleitung für einen Haltungs-Check:

Steh mit leicht gebeugten Knien, die Beine hüftbreit parallel. Richte deinen Blick entspannt geradeaus. Atme ruhig und entspannt.

  1. Spüre Deine Füße satt auf dem Boden. Wiege den Körper von rechts nach links, dann vor und zurück, bis du das Gefühl hast, dein Gewicht ist gut auf den ganzen Fuß verteilt. Hab das Gefühl, die Füße schlagen Wurzeln.
  2. Lass dein Becken hängen. Arbeite mit der Vorstellung, dass an der Spitze des Kreuzbeins ein Gewicht lotrecht nach unten hängt.
  3. Bring deinen Kopf ins Lot und lass ihn nach oben schweben – stell dir vor, du hast unter der Schädeldecke Helium und der Kopf schwebt wie ein Ballon an die Decke. Das Unterkiefer entspannt sich parallel zum Boden. Die Wirbelsäule spannt sich locker zwischen dem Schädel, der nach oben schwebt, und dem Becken, das nach unten hängt, auf.
  4. Bring den Oberkörper ins Lot, so dass er auf dem Becken sitzt und weder nach hinten noch nach vorne lehnt.
  5. Heb den Schultergürtel als Ganzes hoch zu den Ohren, dann setze ihn sanft wie ein Mohair-Baby-Häubchen auf den Brustkorb ab. Hinten rutschen die Schulterblätter nach unten, vorne liegen die Schlüsselbeine auf. Du legst quasi die Schultern auf dem Brustkorb ab, die Arme hängen.

Spür immer wieder in beide Richtungen, spür das Wechselspiel von sinken und schweben, klinke dich in die Fliehkraft und die Schwerkraft ein – nach unten und nach oben gleichzeitig. Probier es einfach einmal aus. Zu Beginn ist es hilfreich, einen Spiegel (oder ein Schaufenster oder eine*n Partner*In) zu Rate zu ziehen, da Dein System eine Zeit lang brauchen wird, um sich an die neue Haltung zu gewöhnen; übe einfach regelmäßig, und du wirst bald eine Veränderung bemerken. Ich würde mich freuen, in einem Kommentar von diesen Veränderungen und deinen Erfahrungen zu hören!

Wer kleine, einfache Übungen für den Alltag zwischendurch lernen möchte, kann das z.B. auch bei der Happy Body Revolution tun, der nächste Termin ist am 22.11. von 18 – 19h.

 

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