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Foto: Sakuoka/Shutterstock.com

Als ich beim Passion-Project-Workshop im September die Frage in den Raum stellte, was das denn eigentlich sei – entspannt sein – kamen die verschiedensten Definitionen: Wohlspannung im Körper spüren, mit einem Buch auf der Couch liegen, keine fixen Termine haben, alle Dinge der To-Do-Liste abgearbeitet haben, u.ä.

Auf diversen Wissensseiten im Internet wird Entspannung als körperlich und geistig spürbarer und messbarer Zustand definiert, der frei von Anspannung und Angst ist und einem Zustand des Gelöstseins entspricht. In einem entspannten Körper sende das Gehirn weniger Impulse an die Muskeln, eine Gefäßerweiterung sorge für bessere Durchblutung, der Atemrhythmus verlangsame sich, und man fühle sich locker, ruhig und gelassen. Oft probiert, selten erreicht?

Zahlreiche Ratgeber geben verschiedenste Entspannungstipps und –tricks. Die meisten sind relativ simpel – z.B.

  • gewisse Nahrungsmittel zu sich nehmen (grünen Tee, dunkle Schokolade, Honig) oder zumindest riechen (Kaffee, Zitrusfrüchte), da sie Substanzen enthalten die unser System entspannen können
  • genügend Schlaf und Erholung
  • hinaus in die Natur
  • Atmen
  • Füße massieren
  • Bewegung machen (egal ob Yoga, Spazierengehen oder Joggen)
  • soziale Kontakte pflegen
  • meditieren, autogenes Training
  • Aufmerksamkeit bzw. Achtsamkeit praktizieren
  • Lachen
  • Jemanden etwas Gutes tun, etc.

Interessant ist, dass sich in dieser Liste einiges wiederfindet, das von der Glücksforschung als Glück induzierende Gewohnheit propagiert wird (Greater Good Science Center, Universtiy of California, Berkeley).

An Schokolade erinnert sich so manche/r wohl gerne, möglicherweise jedoch nicht an die dunkle, eher bittere Variante; aber die Option, ein paar Mal tief durchzuatmen ist oft bereits durch akute Anspannungs-Amnesie überdeckt. Für die Umsetzung vieler anderer Ratschläge benötigt man Zeit, und das ist ja eine der Ressourcen, die immer knapper wird und deren Mangel viele überhaupt erst in den Zustand der Anspannung treibt.

Wer entscheidet aber über unsere Zeit? Wie konnte es passieren, dass wir trotz aller technischer Hilfsmittel in Haushalt, Verkehr und Büro, die uns eigentlich Arbeit abnehmen und das Leben erleichtern sollten, immer weniger Zeit dafür haben, einfach einmal entspannt auf einer Bank zu sitzen, um die Welt zu betrachten?

„In unserer schnell ablaufenden Industrie- und Leistungsgesellschaft haben wir den Fokus verschoben: Die Außenwelt mit ihren Anforderungen steht an erster Stelle. Erst danach kommen wir mit unserem Organismus und unserem Gefühl……..“ sagen Elmar Hatzelmann und Martin Held vom Institut für Zeitkompetenz.

Der Soziologe Hartmut Rosa schreibt, dass die Beschleunigung von Prozessen und Ereignissen ein Grundprinzip der modernen Gesellschaft sei. Dieser Sog der Beschleunigung ist stark, weil er alle Lebensbereiche betrifft – sei es die Geschwindigkeit, in der man heute von A nach B reisen kann, die Mastzeit von Tieren bis zur Schlachtreife, die Entwicklung neuer Produkte, die Zeit, innerhalb der eine neue Erfindung akzeptiert wird (im Falle der Schreibmaschine dauerte dies noch über 150 Jahre, vom ersten bis zum 50-millionsten Internetanschluss nur noch vier), und die Zeit, in der von uns erwartet wird, Dinge zu erledigen.

Probleme, die einen mehrjährigen zeitlichen Rahmen erfordern, können in solcher Hektik nur schlecht bewältigt werden und wirklich tief greifende Veränderungen sind kaum noch zu erzielen – der „rasende Stillstand“ (Paul Virilio).

„Das ursprüngliche Glücksversprechen, das Wachstum und Beschleunigung bargen, verblasst zusehends und verwandelt sich in den Fluch einer stetig wachsenden Gefährdung individueller und kollektiver Autonomie.“ sagt Rosa.

Autonomie nun ist für mich eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, entspannt sein zu können; d.h. immer wieder zu wählen, die Vorschläge der Glücks- und Entspannungsforschung anzuwenden:

  • selbstbestimmt produktiv zu sein, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, uns ständig weiter zu entwickeln, unser Bestes zu geben, großzügig zu sein mit dem was wir zu geben haben;
  • unsere Bedürfnisse zu spüren und uns ausreichend darum zu kümmern: gut essen, schlafen, ruhen, Ordnung und Klarheit, Ziele haben, die zu erreichen wir uns bemühen.
  • soziale Kontakte zu pflegen in denen alle Beteiligten frei sind, so zu sein, wie sie sind; Konflikte anzusprechen und eine Lösung zu suchen, uns immer wieder daran zu erinnern, dass man sich mag, auch wenn es manchmal kriselt oder kracht, saubere Beziehungen zu üben.
  • Dinge mit Humor zu nehmen, beweglich zu bleiben.
  • uns immer wieder bewusst machen, dass es uns gut geht – weil wir gesund sind, lesen und schreiben können, Arbeit haben, die uns vielleicht sogar Spaß macht, weil wir ein Dach über dem Kopf haben………

Mir ist durchaus klar, dass ich speziell in Sachen Zeiteinteilung absolut privilegiert bin – und auch nicht jede/r ist mit Gesundheit gesegnet. Und doch haben wir alle einen gewissen Rahmen, in dem wir frei entscheiden können. Wenn alle immer Überstunden machen und Arbeit mit nach Hause nehmen, um die von außen festgelegten Deadlines erfüllen zu können, wird das System der Beschleunigung mühelos weiterlaufen. Auch wenn die Serie noch so spannend ist, niemand kann dich zwingen, Dir noch eine vierte Folge anzuschauen, statt schlafen zu gehen, damit du ausgeruht aufwachst.

Wenn wir es also schaffen, diese Vorschläge/Gewohnheiten immer wieder anzuwenden stärkt jede Wahl unsere Autonomie, das Bewusstsein, dass uns niemand (mehr) vorschreiben kann, wie wir unser Leben leben.

Die drei Kontexte, die es meiner Meinung nach ermöglichen, diese „Gewohnheiten“ in unserem Leben zu verankern sind: Aufmerksamkeit (z.B. darauf, wann du eine Pause brauchst), Entscheidungen treffen (z.B. Nein zu etwas sagen, Prioritäten setzen,…), eine gewisse Konsequenz (z.B. die Schritte zu deinem Ziel auch wirklich umzusetzen)– und all das mit Humor und Freundlichkeit zu Dir selbst.

Das Thema des nächsten Saturday@Noon Passion Projects ist dann auch das „Nein- Sagen“: nein sagen zu einer Option, die man nicht will; nein sagen zu etwas, was man will aber was einem nicht gut tut; nein sagen zu etwas, weil man zu etwas anderem ja sagt.


 

Wenn Du schon gestresst und angespannt bist und eine kurze Erholungspause benötigst, kannst du die beiden Übungen ausprobieren, die ganz wenig Zeit kosten und die du überall machen kannst, ohne dass jemand etwas davon bemerkt.

  1. Kinn-Lade:

Sitz aufrecht. Platziere den Kopf auf der Wirbelsäule, stell dir vor, unter der Schädeldecke sei Helium und der Kopf schwebt nach oben zur Decke; das Kinn ist ca. parallel zum Boden, der Nacken ist lang und entspannt.

Stell Dir vor, dein Unterkiefer sei die Lade einer Küche der Top-Qualität (eine Lade, die sich wie durch Zauberhand öffnet und schließt wenn man nur kurz hinschaut).

Senke den Kopf ganz leicht nach unten, in dem du am Kopfansatz hinten den Nacken ein klein wenig verlängerst. Stell Dir vor, die Kinn-Lade rutscht ganz ohne Anstrengung ein klein wenig nach unten (Das ist eine Mini-Bewegung, es passiert nichts aktiv, die Muskeln und Knochen geben einfach etwas der Schwerkraft nach!). Dann hebe den Kopf wieder leicht und lass die Kinnlade sanft wieder in die Ausgangslage zurückrutschen.

  1. Beckenboden aktivieren

Sitz aufrecht, atme, die Beine sind rechtwinkelig abgebogen, die Füße stehen entspannt auf dem Boden. Bring deine Aufmerksamkeit zu deinen Sitzknochen, spür, wie du auf ihnen sitzt, wie sie senkrecht nach unten in den Boden weisen. Lass die Muskeln des Gesäßes entspannt rund um die Sitzknochen auf den Sessel fließen.

Aktiviere nun den Beckenboden (die Schicht, die zwischen den Sitzknochen aufgespannt ist) und zieh die Sitzknochen etwas zusammen.

Zieh den Beckenboden noch weiter zusammen und leicht nach oben, zuletzt zieh den Unterbauch sanft nach innen und Richtung Nabel. Atme ruhig und entspannt weiter während du das machst.

Dann lass kontinuierlich von oben nach unten langsam alles wieder los und spür wie am Ende die Sitzknochen wieder leicht auseinanderweichen und sich der Beckenboden weitet. Es geht hier v.a. um deine Aufmerksamkeit und deine Atmung. Das Training des Beckenbodens ist nur ein netter Nebeneffekt. Mach das ganze ca. 2 min lang, lass dir Zeit. Spür dann nach. Spür, ob sich vielleicht auch deine Schultern entspannt haben.


 

Wie immer freue mich von Dir zu hören. Schreib einen Kommentar – wo siehst Du Potential (abgesehen vom 11. Oktober in Wien) deine Autonomie zu stärken, deine Wahl zu treffen? Wenn du dich für den kostenfreien Mini-Workshop am 24. Oktober anmelden möchtest, kannst du das hier tun.

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