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Foto: seanbear/shutterstock.com

In meiner Arbeit geht es häufig um „Zustände“, die wir in bestimmten Situationen automatisch kreieren. Ein Zustand ist meist eine Reaktion auf eine bestimmte Person oder eine Gegebenheit (Stress), beinhaltet z.B. eine bestimmte Art zu atmen, eine Körperhaltung mit Bereichen, die angespannt sind oder sich anfühlen, als wären sie gar nicht da, oder eine bestimmte Stimmung.

Manchmal ist ein bestimmter Körperbereich betroffen, der dann als „Beschwerde“ wahrgenommen wird; z.B. Deine Schulter – wenn Du vorwiegend in einer bestimmten Haltung sitzt und das über mehrere Stunden pro Tag, und wenn Deine Schulter dabei nicht in der Position ist, in der sie anatomisch sein sollte, wird das Konsequenzen haben. Vielleicht hängt sie nach vorne und du spürst ständig einen Zug hinten, oder durch die Fehlhaltung kommt es zu einer Enge im Gelenk und deine Beweglichkeit ist eingeschränkt bis hin zu Schmerzen und einer Diagnose bei der OrthopädIn. Egal, ob es um eine „Beschwerde“ geht oder dein Seins-Zustand (inklusive Atmung, Stimmung etc.) betroffen ist, einen automatischen Zustand zu kreieren und zu leben wird immer Konsequenzen haben. Die gute Nachricht ist, dass Du auf verschiedenen Ebenen wählen kannst, verschieden Dinge tun kannst:

Wähle den Realitäts-und Fakten-Check

Wenn wir in einem Zustand sind, erleben wir das Leben wie einen Film dessen Verlauf wir bereits zu kennen glauben. Die Fakten zu checken, nachzuprüfen, ob die Realität mit dem übereinstimmt, was wir gerade wahrnehmen, glauben, oder spüren ist bei jeder Wahl hilfreich. Der erste Schritt ist, Dir bewusst zu werden, dass du gerade in einem Zustand bist. In einer Sitzung lernst du ja genau das, zu spüren, wie sich dein ganz persönlicher Zustand anfühlt, wie du ihn kreierst, was er beinhaltet – und wie du ihn loslassen kannst, wie du dich ohne Zustand anfühlst. D.h., wenn du z.B. kaum atmest, in verschiedenen Körperbereichen Anstrengung machst, Dein Denken eindimensional und sich wiederholend wird oder viele Sätze mit „immer“, „nie“ in deinem Kopf herumschwirren, kannst du davon ausgehen, dass du gerade nicht entspannt und frei die Realität erlebst. Wenn du also das nächste Mal glaubst, dass eine Bekannte wütend auf dich ist, obwohl du dir keiner Schuld bewusst bist, frag sie doch, ob dem wirklich so ist. Oder ob deine schlechte Stimmung sich vielleicht hebt, wenn Du ein paar tiefe Atemzüge nimmst und aus der nach vorne gebeugten Haltung mit angespanntem Kopf, Nacken und Bauch aussteigst.

Wähle der Verlockung zu widerstehen

Unsere Zustände sind uns wohlbekannt. Das führt dazu, dass sie sich oft anfühlen, wie unser Lieblings-Sweatshirt – so oft gewaschen, dass es ganz weich und anschmiegsam ist. Selbst wenn der Zustand unangenehm ist oder zumindest unangenehme Auswirkungen hat (und wir z.B. unsere Gehaltserhöhung nicht bekommen, weil wir beim MitarbeiterInnen-Gespräch unser Selbstbewusstsein verlieren und uns selbst klein machen, statt auf unsere Errungenschaften hinzuweisen) gibt er uns doch ein Gefühl der Sicherheit. Die Pseudo-Sicherheit des Kennens, der Gewissheit, dass wir in unserer durchaus manchmal unkomfortablen Komfortzone bleiben können wenn wir nichts verändern. Und unsere Komfortzone hat einen großen Sog. Nicht-Wissen hingegen, Nicht-Wissen wie es sein wird (wenn wir etwas anderes tun/anders sind als üblich) macht Angst. Es gilt also, zu wählen, unseren Zustand loszulassen. Zu wählen mutig zu sein und der Verlockung des Altbekannten zu widerstehen.

Wähle zu Atmen

Die Atmung wird vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Gott sei Dank möchte man sagen, weil wir sonst vermutlich alle ständig ohnmächtig zusammenbrechen würden, müssten wir unsere Atmung aktiv kontrollieren. Nichts destotrotz ist in jedem Zustand ein ganz bestimmtes Atemmuster involviert – entweder wir atmen nur mehr ganz flach und minimalistisch, oder wir machen extra Anstrengung – entweder beim Ein- oder beim Ausatmen. Der Einatmung steht oft ein angespannter Bauch entgegen, der dem Zwerchfell nur wenig erlaubt, nach unten zu wandern. Die Ausatmung, die eigentlich passiv erfolgen kann wenn wir nicht gerade bedeutend mehr Sauerstoff als in Ruhe benötigen (weil wir uns anstrengen beim Marathon, der Bergwanderung, beim Fitness-Training, …) ist in einem „Zustand“ oft gekoppelt mit aktivem Rauspressen der Luft oder einer extrem kontrollierten, langsamen Lippen-Bremsen-Ausatmung, wie man sie aus der Geriatrie anwendet. Wenn Du schon einmal eine Sitzung bekommen hast weißt Du aus eigener Erfahrung, dass der erste Schritt, um aus einem Zustand auszusteigen ist, wieder tiefer zu atmen. Und schon ist ein Teil des Zustandes weg.

Wähle Anspannung bewusst loszulassen

Kennst du das? Du bist gestresst und prompt wandern deine Schultern hoch zu den Ohren? Das ist eine typische Anspannung, die Teil eines wiederkehrenden, automatischen Zustands sein kann. Sobald du genügen Aufmerksamkeit dafür hast, dass du die Schultern anstrengst und hochziehst – d.h. dass du etwas mit ihnen machst, kannst du auch wieder wählen, sie loszulassen, damit sie eine Chance haben, sich wieder an ihren anatomisch angestammten Platz zu bewegen. Die „perfekte“ Lage zu erreichen mag dauern, aber dieser erste Impuls des Loslassens, dem Körperbereich zu „erlauben“ sich nicht mehr extra anzustrengen ist der erste Schritt. Das funktioniert natürlich für jeden Bereich – schiebst du dein Kinn vor, wenn du wütend bist? Hältst du den Bauch, wenn du Angst hast? Zwickst du die Pobacken zusammen, wenn dir etwas peinlich ist? Wähle, die Anstrengung loszulassen und dem Körper zu erlauben, entspannt zu sein.

Wähle Aufmerksamkeit

Wenn wir in einem Zustand sind, ist unsere Aufmerksamkeit oft auch in diesem Zustand gefangen. Wir sehen die Welt wie durch einen Filter und nur das, was unseren Zustand bestätigt wird aufgenommen. Wenn Du in deinem Zustand z.B. überzeugt bist, dass niemand dich mag, wirst du die Blicke einer Kollegin dahingehend deuten, dass sie dich böse angeschaut hat – dabei hatte sie vielleicht gerade einen Streit mit dem Chef. Oder du siehst zwei Bekannte, die miteinander reden und bist überzeugt, dass sie über dich lästern. Dabei haben sie über Politik diskutiert. Wärst du entspannt und „Zustand-befreit“ könntest du einfach wahrnehmen, dass da zwei Leute die du kennst miteinander reden. Und entweder du gehst zu ihnen hin und diskutierst mit, oder Du hast etwas anderes zu tun und gehst deiner Wege.

Wähle zu denken und nicht alles zu glauben

Jeder „Zustand“ beinhaltet eine bestimmte Art zu denken. Sei es, dass wir kaum noch denken können, weil die Gedanken nur Fetzen sind, die nicht wirklich greifbar sind oder sich die Gedanken in einem immer dichter werdenden Wirbel aufeinander ballen, oder der Kopf plötzlich wie im Nebel dumpf und leer wird; oder, dass sich bestimmte Sätze immer wieder wiederholen und wir uns Anweisungen geben (du solltest doch, jetzt mach doch endlich,…) oder vor Jahrzehnten gezogene und seither nicht mehr hinterfragte Schlussfolgerungen gebetsmühlenartig rezitieren (das kannst du sowieso nicht, das wird nie etwas, die lassen dich ja eh nicht,…). Was unser Hirn in einem „Zustand“ von sich gibt ist eher eindimensional und stark gefärbt von den bereits obengenannten Filtern und kann nicht mehr als produktives denken bezeichnet werden. Der Trick – genauso wie Du Deine Schulter lockerlassen kannst, kannst Du auch entscheiden, dem sich wiederholenden Geschwafel nicht zuzuhören oder manches einfach nicht zu glauben – so wie Du vermutlich auch manchen PolitikerInnen nicht alles glaubst.

Wähle zu spüren was ist

Zustände finden auch in unsere Stimmung oder unserer Gefühlswelt ihren Ausdruck. So bist du möglicherweise manchmal aus scheinbar unerfindlichen Gründen grantig oder schlecht gelaunt. Und wenn du dann nachspürst, was eigentlich los ist, merkst du, dass dich das Arbeitspensum, dem du so locker-flockig zugestimmt hast, zusammen mit deiner derzeitigen Familiensituation und der Krankheit deines Vaters doch mehr mitnimmt, als du dir zugestanden hast. Und dann bemerkst du vielleicht auch, dass sich auch die Atmosphäre im Büro in letzter Zeit verändert hat, und dass eigentlich alle gerade sehr gestresst sind und all diese verschiedenen Stimmungen in einer angespannten Atmosphäre münden. Wenn alle spüren, was eigentlich ist, statt einen Zustand darüber zu legen, der das eigentliche verdeckt, gelingt es auch leichter zu spüren, was notwendig ist, um die Situation zum Positiven zu verändern.

Wählen, dranzubleiben

Ein Zustand ist wie eine zweite Haut. Oft gibt er uns wie gesagt Sicherheit und das Gefühl, dass wir alles im Griff haben. Den Zustand kennen wir ja meist schon sehr lange, wir haben ihn gut geübt. Ein Loslassen eines Zustandes beinhaltet also immer ein Verlassen der eigenen Komfortzone, ein Hinausschreiten ins Ungewisse: was passiert, wenn du im nächsten Meeting deine Schultern lockerlässt, atmest und zustimmst zu spüren, wie aufgeregt du bist, wenn du deinen Standpunkt darlegen sollst? Was passiert in deiner Partnerschaft, wenn du aufhörst, den Mund zu halten und dich zurückzunehmen?

Egal, ob es um eine Schulter geht, die wieder lernen soll, wo sie hingehört, oder eine Hand, die ihr Gewölbe wieder zurücktrainieren will, oder eben um einen Zustand mit allem Drum und Dran, den Du ablegen willst – ohne Übung wird es nicht gehen. Die gute Nachricht ist jedoch, dass Du vieles in deinem Alltag ohne extra Zeitaufwand üben kannst (z.B. wieder einmal Luft zu holen oder eine Bewegung wie das Greifen nach einem Glas Wasser bewusst auszuführen). Und dass du, selbst wenn du tagelang nicht ans Üben gedacht hast, immer wieder neu wählen kannst, es jetzt mal wieder zu versuchen. Damit du deinem Ziel einen weiteren Schritt näherkommst.

Probier einmal für eine Woche eine der Wahlmöglichkeiten aus – entweder tiefer zu atmen, einen Bereich locker zu lassen, oder Deinen Überzeugungen nicht zu glauben – und schreib einen Kommentar zu deinen Erfahrungen damit. Und vergiss nicht, am 15. Oktober wählen zu gehen!

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