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Foto: Matthias G. Ziegler/shutterstock.com

Nein hat eine große Macht. Schon Zweijährige, die ihre Unabhängigkeit und ihre Grenzen zu entdecken beginnen wissen das und antworten häufig grundsätzlich einmal mit Nein, egal was sie gefragt werden. In YouTube Videos wirkt das Ganze entzückend und amüsant, für Eltern die laut einer Studie in dieser Phase 25 – 30 mal in der Stunde mit ihrem Kind argumentieren müssen ist es eine anstrengende Herausforderung.

Als Tante von drei sehr willensstarken Nichten habe ich die Vehemenz und Klarheit ihres Neins stets sehr bewundert: nein, dieser halbe Löffel Jogurella ist nicht mehr erwünscht – oder, nein, diese Strumpfhose ziehe ich heute ganz sicher nicht an.

Dieses ständige Sich-Behaupten und Grenzen-Austesten zeugt von einer gesunden Entwicklung und stärkt das Selbstbewusstsein. Warum fällt uns dann aber als Erwachsene das Nein oft so unsagbar schwer?

Nein ist eine Barriere zwischen uns und dem Einfluss anderer und wird oft als Ablehnung empfunden. Dazu kommt, dass wir gerne „Person und Sache“ vermischen – d.h. wir fühlen uns persönlich abgelehnt, obwohl in der Realität jemand nur Nein zu einem Theaterbesuch am Freitagabend gesagt hat. Außerdem reagiert unser Hirn stärker auf negative als auf positive Aussagen (Negativitäts-Bias): Du hast vielleicht auch schon einmal intensiver und länger anhaltend auf Tadel oder Kritik reagiert, als auf Lob oder ein nettes Kompliment. Evolutionär macht das Sinn, damit wir schnell und effizient auf schlechte Nachrichten (= Gefahr) reagieren.

Nein ist eine selbstbejahende Aussage, mit der Du eine klare Wahl triffst – dabei ist die Grenze zwischen egoistisch und selbstbestimmt denkbar fein:

  • Natürlich wollen wir nett, freundlich, großzügig, und hilfsbereit sein und als solches wahrgenommen werden: Sagen wir also Nein zu
    • einer neuen Kollegin, die zum dritten Mal diese Woche unsere Unterstützung braucht – selbst wenn wir eine dringende Deadline zu erfüllen haben?
    • einer Freundin, die spontan Hilfe beim Umzug braucht – obwohl wir uns schon seit Wochen auf einen freien Tag ohne Termine freuen?
  • Gerade bei uns nahestehenden Menschen ist es manchmal schwer, Nein zu sagen – wir wollen ja niemandem weh tun. Sagen wir also Nein zu
    • unserer 80-jährigen (Groß)Mutter, die gerne mit uns Weihnachten feiern möchte, – auch wenn uns der Sinn nach einer unkonventionellen Lichter-Party am Strand steht?
    • unserem Liebsten, der sich unbedingt den neuesten Animationsfilm mit uns anschauen möchte – wenn das wirklich das letzte ist, was womit wir unsere spärliche Freizeit verbringen möchten?

Manche Gelegenheiten und Angebote sind einmalig – unser Nein kann dazu führen, dass wir eine wertvolle Chance verpassen.

Nein wird oft mit Negativität verwechselt oder als unhöflich empfunden; sozialer Druck und Erwartungen machen es schwierig, Nein zu sagen:

  • speziell Autoritätsfiguren sind oft nicht gewohnt Nein zu hören und erwarten grundsätzlich Zustimmung
  • ein Nein zuviel kann dazu führen, dass wir einen Kontakt verlieren
  • von bestimmten sozialen Gruppen wird oft erwartet, dass sie jederzeit bereit sind, sich um Anliegen von anderen zu kümmern
    • Frauen sollen pflegen
    • Großeltern sollen babysitten
  • solange man kein Fieber hat, ist man gesund und einsatzfähig.

Besonders in Gruppen macht es die Angst vor Ablehnung und Ausgrenzung schwierig, ein Nein zu vertreten, wenn man als Einzige*r gegen eine Entscheidung oder Idee ist. Dieser Sog des Gruppendenkens hat schon zu schwerwiegenden und weitreichenden Fehlentscheidungen geführt.

Ja zu sagen, wenn wir eigentlich Nein meinen hat auf jeden Fall Konsequenzen:

  • Wir tun Dinge, die wir nicht wollen. Punkt.
  • Wir reagieren möglicherweise verärgert und vorwurfsvoll (weil wir ja etwas tun, was wir nicht wollen) – was unseren Beziehungen schaden kann
  • Wir verwenden unsere Zeit für Dingen, die wir nicht wollen, die derzeit keine Priorität haben, oder die uns davon abhalten, unsere Ziele zu erreichen und:
    • haben weniger Zeit für Dinge die für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden wichtig sind (Sport, Spazierengehen, Ausruhen)
    • unsere Stresslevel steigt (wir schlafen schlechter, haben mehr schädliche Stresshormone in unserem System, Blutdruck und Herzfrequenz steigen – wir betreiben Raubbau an unserem Körper)
    • wir erreichen unser Ziel nicht wie geplant und sind unzufrieden, unglücklich, frustriert.
  • Andere sehen uns möglicherweise als schwach und ohne eigene Meinung und zollen uns dementsprechend keinen Respekt. Möglicherweise werden wir gerne ausgenutzt.
  • Wir halten unsere Gruppe nicht davon ab, eine schlechte Entscheidung zu treffen – und müssen dann mit den Konsequenzen dieser Entscheidung leben.

10 Strategien, die Nein sagen einfacher machen:

  1. Nein sagen (oder ein Nein hören) ist erwiesenermaßen mit einer Erhöhung des Stresslevels verbunden. Sei Dir darüber klar und stimme zu, dass diese physiologische Reaktion in Deinem Körper ablaufen darf, Du aber trotzdem entspannt bleibst und atmest.
  2. Nimm Dir Zeit. Vor allem wenn du die Tendenz hast, Dingen schnell und automatisch zuzustimmen gibt dir ein kleiner Aufschub deiner Antwort die Möglichkeit, dir über deine Prioritäten klar zu werden.
  3. Sei dir klar über das Warum deines Neins. Z.B. ich habe mir vorgenommen, mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen – d.h. ich kann dieses Projekt nicht mit gutem Gewissen annehmen.
  4. Hör auf, dich zu rechtfertigen. Wenn du z.B. spezifische andere Verpflichtungen zu einem bestimmten Zeitpunk als Grund angibst, nicht schon wieder ohne Gegenleistung für einen Hilfsdienst einspringen zu können kann es sein, dass dir die Fragende anbietet, den Termin zu verschieben, oder eine Diskussion beginnt, ob deine Verpflichtung wirklich so wichtig ist; oder sie versucht dich sonst irgendwie zu überzeugen, das zu tun, was sie möchte. Ein kurzes, klares, freundliches Nein wirkt in so einem Fall oft Wunder.
  5. Erinnere Dich daran, dass Du wählen kannst und niemand (mehr) über Dich bestimmen kann. Oft glauben wir, wir hätten kein Recht Nein zu sagen – aber selbst in einem Angestellten-Verhältnis gibt es die Möglichkeit, Dinge abzulehnen. Du benötigst dafür Klarheit, Standfestigkeit und allenfalls eine gute Argumentation. Und Du kannst auch wählen, etwas für jemanden zu tun, obwohl du eigentlich nicht willst – einfach weil du diese Person wirklich, wirklich magst. Und dann tu es mit ganzem Herzen.
  6. Gelegenheiten mögen einmalig sein – aber vielleicht nicht wirklich die große Chance für dich persönlich. Sei aufmerksam und spüre genau hin, ob Dich etwas wirklich weiterbringt und deinen Prioritäten entspricht oder ob du die Tendenz hast, überall mitmischen zu müssen und einfach nur automatisch Angst hast, etwas zu verpassen.
  7. Du willst vielleicht nicht immer die kritische Stimme in einer Gruppe sein und als Einzige*r deinen Mund aufmachen. Um gravierende Fehlentscheidungen zu vermeiden, kannst du die Etablierung eines Anti-Groupthink-Systems anregen:
    • in jeder Diskussion sollte es Möglichkeiten für kreativen Konflikt geben
    • Eine Person sollte immer den Part der kritische Stimme übernehmen(der schwarze Hut der Denkhüte)
    • Die Dominaz des Alpha-Tiers der Gruppe sollte wenn möglich eingeschränkt werden
    • Die Gruppenmitglieder sollten nicht zu stolz auf die Gruppe werden (elitäres Denken führt dazu, dass sich die Gruppe für unverwundbar hält und gar nicht in Betracht zieht, Fehlentscheidungen zu treffen)
    • Die Vor- und Nachteile aller Vorschläge sollten untersucht werden
    • probiert verschiedene kreative Methoden aus, um Probleme ganzheitlich zu betrachten.
  8. Sei offen für Kompromisse; oft ist es einfach, jemandem entgegenzukommen und plötzlich bekommen alle das, was sie möchten.
  9. Sieh die Realität und trenne Person und Sache. Eine Idee kann großartig sein, sie bringt es einfach für dich nicht, oder es ist nicht das, was du möchtest. „Ich denke, das ist eine gute Idee, aber leider nicht mein Ding.“ Macht deine Absage leichter verkraftbar. Vielleicht fällt dir sogar noch jemand ein, den die Idee wirklich interessieren könnte und du bietest an, den Kontakt herzustellen.
  10. Wenn du Nein sagst, sag es mit Herz.

Und dann bleibt nur mehr: üben, üben, üben. Nein sagen ist oft nicht einfach. Es benötigt Aufmerksamkeit, Klarheit darüber, was du willst, was deine Prioritäten, deine Werte sind und Mut. Und es braucht Selbst-Disziplin, uns immer wieder daran zu erinnern, dass wir ein Abkommen mit uns getroffen haben (z.B. – jede Woche dreimal ins Fitness-Studio zu gehen, uns mehr Zeit für Familie und Freund*Innen zu nehmen, etc.). Wenn wir atmen, uns immer wieder entspannen, zustimmen, zu spüren was ist (z.B. das uns die Situation, der soziale Druck, die Chefin – gerade stresst, dass wir Angst vor einem drohenden Konflikt haben, etc.) und uns immer wieder als lebendiger Körper wahrnehmen, können wir lernen, Nein zu sagen, wenn es für unser Wohlbefinden unumgänglich ist – und uns ein Stück Autonomie, Unabhängigkeit, Integrität, Energie und Selbstbewusstsein zurückholen.

Beginn gleich jetzt mit dem Üben! Nach dem Motto – Vorbereitet sein ist alles – schreib eine Liste von Dingen, Ideen, Aktivitäten, Personen oder Routinen, zu denen du (schon immer gerne) nein sagen möchtest.

Wenn Dir nicht gleich etwas einfällt, denk an Situationen wo du Ja gesagt hast und es bereut hast. Denk an die Dinge die deine Zeit oder Energie rauben, denk an die Dinge/Personen die dir gut tun, und denen du zu wenig Raum einräumst. Die Liste soll Dir deine Prioritäten und Werte in Erinnerung zu rufen.

Sei präzise. Nach jedem Nein kannst du dir auch ein Warum überlegen. Das Warum kann dir den Mut und die Inspiration dazu geben, nächstes Mal wirklich Nein zu sagen.

z.B. Nein sagen zu

  • Anfragen/Bitten, die körperliches Unbehagen auslösen
  • Anfragen/Bitten, die nicht danach klingen, Spaß zu machen
  • Anfragen/Bitten, die dich ganz sicher grantig machen
  • Essen, dass du nicht verträgst
  • Kleidungsstücke, in denen du dich nicht wohl fühlst.
  • Zeit verbringen mit Menschen, die dich auslaugen. Wenn das unvermeidbar ist, kannst du vielleicht zumindest die Zeit mit ihnen minimieren.
  • Zappen
  • Serien-Binging
  • Zu spät ins Bett gehen
  • Ohne Pausen durcharbeiten…..

Du kannst dann die Neins auf deiner Liste laut und deutlich deklarieren. Ein öffentliches Bekenntnis zu einem Vorhaben unterstützt die Selbst-Disziplin ganz ungemein – wenn Du also Unterstützung willst, schreib in einem Kommentar, wozu in den nächsten 3 Wochen Nein sagen wirst. Ich bin neugierig!

 

 

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